Ephe­ser 1,15–19

“Dar­um auch ich, nach­dem ich gehört habe von dem Glau­ben bei euch an den Herrn Jesus und von eurer Lie­be zu allen Hei­li­gen, höre ich nicht auf, zu dan­ken für euch, und geden­ke euer in mei­nem Gebet, dass der Gott unse­res Herrn Jesus Chris­tus, der Vater der Herr­lich­keit, euch gebe den Geist der Weis­heit und der Offen­ba­rung, ihn zu erken­nen. Und er gebe euch erleuch­te­te Augen des Her­zens, damit ihr erkennt, zu wel­cher Hoff­nung ihr von ihm beru­fen seid, wie reich die Herr­lich­keit sei­nes Erbes für die Hei­li­gen ist und wie über­schwäng­lich groß sei­ne Kraft an uns, die wir glau­ben, weil die Macht sei­ner Stär­ke bei uns wirk­sam wur­de…”.

Der Apos­tel Pau­lus war ein Mann des Gebets. Wo immer er auch war, ob im Gefäng­nis, auf sei­nen Mis­si­ons­rei­sen oder in den Gemein­den, die er besuch­te, er bete­te für die Men­schen, die Gott ihm anver­traut hat­te. Im Brief an die Ephe­ser fin­den wir eines der schöns­ten und tiefs­ten Gebe­te, das Pau­lus für eine Gemein­de gespro­chen hat. In den Ver­sen 1,15–19 öff­net er uns einen Blick in sein Gebets­le­ben und zeigt uns, wor­um es ihm wirk­lich ging, wenn er für ande­re Men­schen bete­te. Die­ses Gebet ist nicht nur ein his­to­ri­sches Doku­ment, son­dern es hat eine zeit­lo­se Bedeu­tung für jeden Chris­ten, der nach geist­li­chem Wachs­tum und tie­fe­rer Got­tes­er­kennt­nis sucht. Wenn wir die­se Ver­se genau betrach­ten, ent­de­cken wir drei wesent­li­che Ele­men­te, die auch unser eige­nes Gebets­le­ben prä­gen soll­ten: Dank­bar­keit für den Glau­ben ande­rer, die Bit­te um geist­li­che Erkennt­nis und das Ver­lan­gen nach einem tie­fe­ren Ver­ständ­nis von Got­tes Kraft und Herr­lich­keit.

Pau­lus beginnt sein Gebet mit einer Aus­sa­ge der Dank­bar­keit. Er sagt, dass er gehört hat von dem Glau­ben der Ephe­ser an den Herrn Jesus und von ihrer Lie­be zu allen Hei­li­gen. Die­se bei­den Merk­ma­le, Glau­be und Lie­be, sind die Kenn­zei­chen eines ech­ten christ­li­chen Lebens. Der Glau­be rich­tet sich auf Jesus Chris­tus, auf sein voll­brach­tes Werk am Kreuz und auf sei­ne Auf­er­ste­hung. Die Lie­be rich­tet sich auf die Geschwis­ter im Glau­ben, auf alle, die zu Got­tes Fami­lie gehö­ren. Pau­lus macht deut­lich, dass bei­des zusam­men­ge­hört. Ein Glau­be ohne Lie­be ist nicht voll­stän­dig, und eine Lie­be ohne Glau­ben hat kein fes­tes Fun­da­ment. Die Ephe­ser hat­ten bei­des, und das erfüll­te Pau­lus mit Freu­de und Dank­bar­keit. Er hör­te nicht auf, für sie zu dan­ken, wie er selbst schreibt. Die­se Hal­tung der bestän­di­gen Dank­bar­keit ist bemer­kens­wert. Pau­lus war nicht jemand, der nur gele­gent­lich an die Gemein­de dach­te oder sie nur in beson­de­ren Momen­ten in sein Gebet ein­schloss. Viel­mehr war die Für­bit­te für die Gemein­den ein fes­ter Bestand­teil sei­nes täg­li­chen Lebens.

Die­se Hal­tung for­dert auch uns her­aus. Wie oft dan­ken wir Gott für die Glau­bens­ge­schwis­ter, die er uns geschenkt hat? Wie oft neh­men wir uns bewusst Zeit, um für ande­re Chris­ten zu beten und Gott für ihr Leben zu dan­ken? In unse­rer hek­ti­schen und schnell­le­bi­gen Zeit, in der jeder mit sei­nen eige­nen Pro­ble­men und Auf­ga­ben beschäf­tigt ist, ver­ges­sen wir leicht, dass wir Teil einer grö­ße­ren Fami­lie sind. Doch Pau­lus erin­nert uns dar­an, dass wir für­ein­an­der beten und ein­an­der im Gebet vor Gott brin­gen sol­len. Der bekann­te Pre­di­ger und Mis­sio­nar E.M. Bounds hat ein­mal gesagt: “Nichts ist zu groß und nichts ist zu klein, um es Gott im Gebet zu brin­gen.” Die­se Aus­sa­ge macht deut­lich, dass jedes Anlie­gen, jede Sor­ge und auch jede Freu­de einen Platz im Gebet haben. Wenn Pau­lus für die Ephe­ser dankt, dann erkennt er an, dass ihr Glau­be und ihre Lie­be nicht ihr eige­nes Werk sind, son­dern Got­tes Gna­de in ihrem Leben. Dank­bar­keit im Gebet bedeu­tet immer auch, Got­tes Wir­ken anzu­er­ken­nen und ihm die Ehre zu geben.

Nach die­ser Dank­sa­gung kommt Pau­lus zum Kern sei­nes Gebets. Er bit­tet Gott, den Ephe­sern den Geist der Weis­heit und der Offen­ba­rung zu geben, damit sie ihn erken­nen kön­nen. Die­se Bit­te ist von zen­tra­ler Bedeu­tung, denn sie zeigt, dass es Pau­lus nicht um ober­fläch­li­ches Wis­sen oder um theo­re­ti­sche Kennt­nis­se geht, son­dern um eine tie­fe, per­sön­li­che Erkennt­nis Got­tes. Das grie­chi­sche Wort, das hier für Erkennt­nis ver­wen­det wird, meint nicht nur ein intel­lek­tu­el­les Ver­ste­hen, son­dern eine Bezie­hung, ein inni­ges Ken­nen, wie man einen engen Freund kennt. Pau­lus möch­te, dass die Ephe­ser Gott nicht nur von außen betrach­ten, son­dern dass sie ihn in sei­nem Wesen, in sei­ner Lie­be und in sei­ner Herr­lich­keit erken­nen. Die­se Art der Erkennt­nis kann nicht durch mensch­li­che Anstren­gung erreicht wer­den. Sie ist ein Geschenk Got­tes, das durch den Hei­li­gen Geist ver­mit­telt wird. Des­halb betet Pau­lus um den Geist der Weis­heit und der Offen­ba­rung.

Die Weis­heit, von der Pau­lus spricht, ist nicht die Weis­heit die­ser Welt, die sich in Klug­heit und Geschick­lich­keit zeigt. Es ist die gött­li­che Weis­heit, die uns befä­higt, die Din­ge aus Got­tes Per­spek­ti­ve zu sehen. Der Apos­tel Jako­bus beschreibt die­se Weis­heit: “Die Weis­heit aber von oben her ist zuerst lau­ter, dann fried­fer­tig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barm­her­zig­keit und guten Früch­ten, unpar­tei­isch, ohne Heu­che­lei” (Jako­bus 3,17). Die­se Weis­heit ver­än­dert nicht nur unser Den­ken, son­dern auch unser Leben. Sie hilft uns, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, die Gott ehren, Bezie­hun­gen zu gestal­ten, die von sei­ner Lie­be geprägt sind, und Prio­ri­tä­ten zu set­zen, die sein Reich in den Mit­tel­punkt stel­len. Die Offen­ba­rung, um die Pau­lus bit­tet, meint, dass Gott uns sei­ne Wahr­heit erschließt und uns Ein­sich­ten schenkt, die wir aus eige­ner Kraft nicht gewin­nen könn­ten. Es geht dar­um, dass der Hei­li­ge Geist uns die Augen öff­net für Got­tes Gegen­wart, sein Wir­ken und sei­ne Absich­ten.

Beson­ders bemer­kens­wert ist, dass Pau­lus um erleuch­te­te Augen des Her­zens bit­tet. Die­se For­mu­lie­rung zeigt, dass es nicht nur um eine Erkennt­nis des Ver­stan­des geht, son­dern um eine Erkennt­nis, die das gan­ze Wesen des Men­schen ergreift. Das Herz steht in der bibli­schen Spra­che für das Zen­trum der Per­son, für den Ort, an dem Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den, an dem Lie­be und Hin­ga­be ihren Ursprung haben. Wenn die Augen des Her­zens erleuch­tet wer­den, dann ver­än­dert sich unse­re gesam­te Per­spek­ti­ve auf das Leben. Wir sehen nicht mehr nur das Sicht­ba­re, das Mate­ri­el­le und das Ver­gäng­li­che, son­dern wir erken­nen auch das Unsicht­ba­re, das Ewi­ge und das, was wirk­lich zählt. Jesus selbst hat in der Berg­pre­digt gesagt: “Selig sind, die rei­nen Her­zens sind, denn sie wer­den Gott schau­en” (Mat­thä­us 5,8). Die­se Rein­heit des Her­zens und die Erleuch­tung, um die Pau­lus bit­tet, gehö­ren zusam­men. Nur ein Herz, das von Got­tes Geist gerei­nigt und erleuch­tet ist, kann Gott wirk­lich erken­nen.

Pau­lus nennt dann drei kon­kre­te Berei­che, in denen die­se Erleuch­tung sich aus­wir­ken soll. Der ers­te Bereich ist die Hoff­nung, zu der wir beru­fen sind. Hoff­nung ist in der Bibel nicht ein vages Wün­schen oder ein unge­wis­ses Hof­fen, son­dern eine fes­te Zuver­sicht auf das, was Gott ver­hei­ßen hat. Die­se Hoff­nung rich­tet sich auf die Zukunft, auf das ewi­ge Leben, auf die Voll­endung von Got­tes Reich und auf die Wie­der­kunft Jesu Chris­ti. Pau­lus möch­te, dass die Ephe­ser die­se Hoff­nung klar vor Augen haben, damit sie nicht ent­mu­tigt wer­den durch die Schwie­rig­kei­ten der Gegen­wart. Vie­le Chris­ten leben, als ob es die­se Hoff­nung nicht gäbe. Sie sind gefan­gen in den Sor­gen des All­tags, in den Ent­täu­schun­gen des Lebens und in der Angst vor der Zukunft. Doch wer die Augen des Her­zens erleuch­tet bekommt, der sieht über das Gegen­wär­ti­ge hin­aus und erkennt, dass das Bes­te noch kommt. Der Apos­tel Petrus schreibt: “Gelobt sei Gott, der Vater unse­res Herrn Jesus Chris­tus, der uns nach sei­ner gro­ßen Barm­her­zig­keit wie­der­ge­bo­ren hat zu einer leben­di­gen Hoff­nung durch die Auf­er­ste­hung Jesu Chris­ti von den Toten, zu einem unver­gäng­li­chen und unbe­fleck­ten und unver­welk­li­chen Erbe” (1. Petrus 1,3–4).

Die­se leben­di­ge Hoff­nung ist nicht etwas, das wir uns selbst gemacht haben, son­dern sie ist Got­tes Geschenk an uns. Sie gibt uns Kraft, auch in schwe­ren Zei­ten durch­zu­hal­ten, weil wir wis­sen, dass die gegen­wär­ti­gen Lei­den nicht ins Gewicht fal­len gegen­über der zukünf­ti­gen Herr­lich­keit. Pau­lus selbst hat die­se Per­spek­ti­ve in sei­nem Leben gelebt. Obwohl er vie­le Ver­fol­gun­gen, Ent­beh­run­gen und Lei­den durch­ma­chen muss­te, ver­lor er nie die Hoff­nung, denn er wuss­te, dass Gott ihn zu einer gro­ßen Zukunft beru­fen hat­te. In sei­nem zwei­ten Brief an die Korin­ther schreibt er: “Denn uns­re Trüb­sal, die zeit­lich und leicht ist, schafft eine ewi­ge und über alle Maßen gewich­ti­ge Herr­lich­keit, uns, die wir nicht sehen auf das Sicht­ba­re, son­dern auf das Unsicht­ba­re. Denn was sicht­bar ist, das ist zeit­lich; was aber unsicht­bar ist, das ist ewig” (2. Korin­ther 4,17–18). Die­se Hal­tung kön­nen auch wir ein­neh­men, wenn unse­re Augen des Her­zens erleuch­tet wer­den.

Der zwei­te Bereich, den Pau­lus nennt, ist die Herr­lich­keit von Got­tes Erbe für die Hei­li­gen. Hier geht es um das, was Gott für sei­ne Kin­der bereit­hält. Die­ses Erbe ist unvor­stell­bar reich und über­trifft alles, was wir uns aus­ma­len kön­nen. Es umfasst nicht nur mate­ri­el­len Reich­tum, son­dern vor allem die Gemein­schaft mit Gott, die Freu­de sei­ner Gegen­wart und die Teil­ha­be an sei­ner Herr­lich­keit. Pau­lus möch­te, dass die Ephe­ser ver­ste­hen, wie wert­voll die­ses Erbe ist, damit sie nicht ihr Leben an ver­gäng­li­che Din­ge ver­schwen­den. In unse­rer Gesell­schaft dreht sich vie­les um Besitz, um Sta­tus und um Erfolg. Men­schen arbei­ten hart, um sich ein gutes Leben auf­zu­bau­en, um Sicher­heit zu haben und um ihren Kin­dern etwas zu hin­ter­las­sen. All das ist nicht grund­sätz­lich falsch, doch Pau­lus will uns dar­an erin­nern, dass es etwas gibt, das viel kost­ba­rer ist als alles Irdi­sche. Jesus selbst hat gesagt: “Was hül­fe es dem Men­schen, wenn er die gan­ze Welt gewön­ne und näh­me doch Scha­den an sei­ner See­le? Oder was kann der Mensch geben, womit er sei­ne See­le aus­lö­se?” (Mat­thä­us 16,26).

Wer die Herr­lich­keit von Got­tes Erbe erkannt hat, der wird sei­ne Prio­ri­tä­ten neu ord­nen. Er wird nicht mehr dem nach­ja­gen, was die Welt als erstre­bens­wert ansieht, son­dern er wird nach dem trach­ten, was ewi­gen Wert hat. Dies bedeu­tet nicht, dass wir welt­fremd oder ver­ant­wor­tungs­los leben sol­len. Im Gegen­teil, wer Got­tes Erbe vor Augen hat, der wird mit sei­nen irdi­schen Auf­ga­ben und Besitz­tü­mern ver­ant­wor­tungs­voll umge­hen, doch er wird nicht sein Herz dar­an hän­gen. Der gro­ße Mis­sio­nar und Mär­ty­rer Jim Elli­ot hat ein­mal gesagt: “Wer gibt, was er nicht behal­ten kann, um zu gewin­nen, was er nicht ver­lie­ren kann, ist kein Narr.” Die­se Aus­sa­ge fasst die Hal­tung zusam­men, die ent­steht, wenn wir Got­tes Erbe rich­tig ein­schät­zen. Wir sind bereit, irdi­sche Din­ge los­zu­las­sen, weil wir wis­sen, dass uns etwas viel Grö­ße­res erwar­tet.

Der drit­te Bereich, den Pau­lus in sei­nem Gebet nennt, ist die über­gro­ße Kraft Got­tes, die an uns wirk­sam ist. Hier geht es um eine Kraft, die alle mensch­li­chen Maß­stä­be über­steigt. Pau­lus beschreibt sie als über­schwäng­lich groß, als eine Kraft, die durch die Macht sei­ner Stär­ke bei uns wirk­sam wird. Die­se Anhäu­fung von Begrif­fen zeigt, dass Pau­lus nach Wor­ten sucht, um die Grö­ße die­ser Kraft aus­zu­drü­cken. Es ist die glei­che Kraft, die Jesus von den Toten auf­er­weckt hat, wie Pau­lus im wei­te­ren Ver­lauf des Brie­fes deut­lich macht. Die­se Kraft steht nicht nur theo­re­tisch zur Ver­fü­gung, son­dern sie wirkt tat­säch­lich in denen, die glau­ben. Das bedeu­tet, dass wir als Chris­ten nicht auf unse­re eige­ne Kraft ange­wie­sen sind. Wir haben Zugang zu einer gött­li­chen Kraft, die uns befä­higt, Ver­su­chun­gen zu wider­ste­hen, Her­aus­for­de­run­gen zu meis­tern und ein Leben zu füh­ren, das Gott ehrt.

Vie­le Chris­ten leben jedoch, als ob sie die­se Kraft nicht hät­ten. Sie kämp­fen mit ihrer eige­nen Wil­lens­kraft gegen die Sün­de, sie ver­su­chen aus eige­ner Anstren­gung ein gutes Leben zu füh­ren, und sie ver­zwei­feln, wenn sie immer wie­der schei­tern. Doch Pau­lus möch­te uns die Augen öff­nen für die Tat­sa­che, dass Got­tes Kraft in uns wohnt. Der Hei­li­ge Geist, der in jedem Gläu­bi­gen lebt, ist die Quel­le die­ser Kraft. Pau­lus schreibt an ande­rer Stel­le: “Denn Gott hat uns nicht gege­ben den Geist der Furcht, son­dern der Kraft und der Lie­be und der Beson­nen­heit” (2. Timo­theus 1,7). Die­se Kraft zeigt sich nicht nur in spek­ta­ku­lä­ren Wun­dern oder außer­ge­wöhn­li­chen Leis­tun­gen, son­dern vor allem im All­tag, in der Geduld mit schwie­ri­gen Men­schen, in der Aus­dau­er bei lang­wie­ri­gen Auf­ga­ben, in der Treue zu Gott, auch wenn nie­mand zuschaut.

Die Erkennt­nis die­ser Kraft ver­än­dert unser gesam­tes Leben. Wenn wir wis­sen, dass Got­tes Kraft in uns wirkt, dann müs­sen wir nicht mehr aus eige­ner Stär­ke leben. Wir kön­nen uns auf ihn ver­las­sen und dar­auf ver­trau­en, dass er uns das gibt, was wir brau­chen. Jesus hat sei­nen Jün­gern ver­spro­chen: “Aber ihr wer­det die Kraft des Hei­li­gen Geis­tes emp­fan­gen, der auf euch kom­men wird, und wer­det mei­ne Zeu­gen sein in Jeru­sa­lem und in ganz Judäa und Sama­ri­en und bis an das Ende der Erde” (Apos­tel­ge­schich­te 1,8). Die­se Ver­hei­ßung gilt auch uns heu­te. Die Kraft, von der Jesus spricht, ist nicht nur für die ers­ten Jün­ger bestimmt gewe­sen, son­dern sie ist für alle, die an ihn glau­ben. Die­se Kraft befä­higt uns, Zeu­gen Jesu zu sein, sein Evan­ge­li­um wei­ter­zu­ge­ben und ein Leben zu füh­ren, das ande­re Men­schen auf ihn hin­weist.

Das Gebet des Pau­lus zeigt uns auch, wie wir selbst beten soll­ten. Oft krei­sen unse­re Gebe­te um mate­ri­el­le Bedürf­nis­se, um Gesund­heit, um beruf­li­chen Erfolg oder um die Lösung kon­kre­ter Pro­ble­me. All die­se Anlie­gen sind legi­tim, und Gott lädt uns ein, mit allem zu ihm zu kom­men. Doch Pau­lus erin­nert uns dar­an, dass die wich­tigs­ten Gebets­an­lie­gen geist­li­cher Natur sind. Es ist wich­ti­ger, um Erkennt­nis Got­tes zu beten als um äuße­re Seg­nun­gen. Es ist wich­ti­ger, um erleuch­te­te Augen des Her­zens zu beten als um die Erfül­lung unse­rer Wün­sche. Es ist wich­ti­ger, die Hoff­nung unse­rer Beru­fung zu ver­ste­hen als kurz­fris­ti­ge Erleich­te­run­gen zu erfah­ren. Die­se Prio­ri­tä­ten soll­ten auch in unse­rem Gebets­le­ben sicht­bar wer­den. Wenn wir für uns selbst oder für ande­re beten, dann soll­ten wir zuerst um geist­li­ches Wachs­tum, um Got­tes­er­kennt­nis und um die Kraft des Hei­li­gen Geis­tes bit­ten.

Der Theo­lo­ge und Erwe­ckungs­pre­di­ger Jona­than Edwards hat ein­mal gesagt: “Gebet ist das Haupt­mit­tel, das Gott bestimmt hat, um uns die Seg­nun­gen zu ver­mit­teln, die er für uns bereit­hält.” Die­se Aus­sa­ge unter­streicht die Bedeu­tung des Gebets. Gott hat unend­lich vie­le Seg­nun­gen für uns, doch er möch­te, dass wir dar­um bit­ten. Das Gebet ist nicht dazu da, Got­tes Wil­len zu ändern, son­dern es ver­än­dert uns. Wenn wir beten, öff­nen wir uns für Got­tes Wir­ken, wir stim­men uns auf sei­ne Absich­ten ein und wir wer­den emp­fäng­lich für das, was er uns geben möch­te. Pau­lus hat dies ver­stan­den, und des­halb bete­te er unab­läs­sig für die Gemein­den, die er gegrün­det hat­te. Er wuss­te, dass sein Gebet eine wich­ti­ge Rol­le spiel­te im geist­li­chen Wachs­tum die­ser Chris­ten.

Es ist auch bemer­kens­wert, dass Pau­lus Gott als den Vater der Herr­lich­keit anspricht. Die­se Bezeich­nung macht deut­lich, dass Gott die Quel­le aller Herr­lich­keit ist. Alles, was schön, gut und voll­kom­men ist, hat sei­nen Ursprung in ihm. Wenn wir beten, wen­den wir uns nicht an eine unper­sön­li­che Kraft oder an eine fer­ne Gott­heit, son­dern an den Vater, der uns liebt und der uns sei­ne Herr­lich­keit offen­ba­ren möch­te. Jesus selbst hat uns gelehrt, Gott als Vater anzu­spre­chen, als er sei­nen Jün­gern das Vater­un­ser bei­brach­te. Die­se Vater­be­zie­hung gibt unse­rem Gebet eine Ver­traut­heit und eine Zuver­sicht, die auf Got­tes Lie­be grün­det. Wir dür­fen wis­sen, dass unser himm­li­scher Vater gute Gaben für uns bereit­hält und dass er uns hört, wenn wir zu ihm rufen.

Lei­der gibt es auch unter Chris­ten eine Ten­denz, den Namen „Vater“ zu ver­nied­li­chen, indem man Gott als „mein Papi“ oder „Dad“ bezeich­net. Doch die­se Art der Anre­de hat nichts mit dem zu tun, was Pau­lus meint, wenn er von Gott als dem Vater der Herr­lich­keit spricht. Jesus lehrt uns, Gott als Vater anzu­ru­fen; aber die­ser Vater bleibt zugleich der all­mäch­ti­ge, hei­li­ge Gott, vor dem Engel ihr Ange­sicht ver­hül­len. Die kind­li­che Nähe, zu der wir ein­ge­la­den sind, hebt die Ehr­furcht nicht auf, son­dern ver­tieft sie. Dar­um soll­ten wir Gott mit Lie­be und Ver­trau­en begeg­nen, aber eben­so mit der Wür­de und Hoch­ach­tung, die sei­nem Namen gebührt.

Das Gebet des Pau­lus für die Ephe­ser ist also weit mehr als ein schö­ner Text aus der Bibel. Es ist ein Vor­bild für unser eige­nes Gebets­le­ben und eine Ein­la­dung, tie­fer in die Erkennt­nis Got­tes ein­zu­drin­gen. Wenn wir uns Zeit neh­men, um über die­se Ver­se nach­zu­den­ken und sie zu unse­rem eige­nen Gebet zu machen, dann wer­den wir fest­stel­len, dass sich unser Blick wei­tet. Wir wer­den anfan­gen, die Din­ge aus Got­tes Per­spek­ti­ve zu sehen. Wir wer­den erken­nen, wel­che Hoff­nung er uns gege­ben hat, wel­ches Erbe auf uns war­tet und wel­che Kraft in uns wirk­sam ist. Die­se Erkennt­nis wird unser Leben ver­än­dern. Sie wird uns Freu­de geben auch in schwie­ri­gen Umstän­den, sie wird uns Kraft geben, wenn wir schwach sind, und sie wird uns Hoff­nung geben, wenn alles hoff­nungs­los erscheint.

Prak­tisch bedeu­tet dies, dass wir uns ange­wöh­nen soll­ten, regel­mä­ßig für uns selbst und für ande­re um die­se geist­li­chen Seg­nun­gen zu beten. Wir kön­nen die Wor­te des Pau­lus zu unse­rem eige­nen Gebet machen und Gott bit­ten, uns den Geist der Weis­heit und der Offen­ba­rung zu geben. Wir kön­nen ihn bit­ten, die Augen unse­res Her­zens zu erleuch­ten, damit wir sei­ne Herr­lich­keit sehen. Wir kön­nen ihn bit­ten, uns die Hoff­nung unse­rer Beru­fung vor Augen zu stel­len, damit wir nicht mut­los wer­den. Wir kön­nen ihn bit­ten, uns die Grö­ße sei­nes Erbes zu zei­gen, damit wir unse­re Prio­ri­tä­ten rich­tig set­zen. Und wir kön­nen ihn bit­ten, uns sei­ne Kraft erfah­ren zu las­sen, damit wir nicht aus eige­ner Stär­ke leben müs­sen. Sol­che Gebe­te wer­den nicht unbe­ant­wor­tet blei­ben, denn Gott freut sich, wenn wir nach geist­li­chen Din­gen suchen.

Die Ver­se aus Ephe­ser 1,15–19 leh­ren uns auch, dass Glau­be und Lie­be untrenn­bar zusam­men­ge­hö­ren. Pau­lus dankt Gott für bei­des, für den Glau­ben an Jesus und für die Lie­be zu den Hei­li­gen. Ein Glau­be, der sich nicht in Lie­be zeigt, ist kein ech­ter Glau­be. Der Apos­tel Johan­nes schreibt: “Wer sagt: Ich lie­be Gott, und hasst sei­nen Bru­der, der ist ein Lüg­ner. Denn wer sei­nen Bru­der nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lie­ben, den er nicht sieht” (1. Johan­nes 4,20). Die­se kla­re Aus­sa­ge macht deut­lich, dass unse­re Lie­be zu Gott sich in unse­rer Lie­be zu den Geschwis­tern zei­gen muss. Die Ephe­ser hat­ten dies ver­stan­den. Sie lieb­ten nicht nur eini­ge weni­ge Men­schen, die ihnen sym­pa­thisch waren, son­dern sie lieb­ten alle Hei­li­gen, alle, die zu Got­tes Fami­lie gehör­ten. Die­se umfas­sen­de Lie­be ist ein Zei­chen dafür, dass der Hei­li­ge Geist in ihnen wirk­te.

Auch wir sind her­aus­ge­for­dert, unse­re Lie­be zu prü­fen. Lie­ben wir wirk­lich alle Geschwis­ter im Glau­ben, oder sind wir wäh­le­risch und bevor­zu­gen wir bestimm­te Men­schen? Jesus hat gesagt: “Dar­an wird jeder­mann erken­nen, dass ihr mei­ne Jün­ger seid, wenn ihr Lie­be unter­ein­an­der habt” (Johan­nes 13,35). Die­se Lie­be ist das Erken­nungs­zei­chen der Chris­ten. Sie ist nicht nur ein Gefühl, son­dern sie zeigt sich in kon­kre­ten Taten, in Hilfs­be­reit­schaft, in Ver­ge­bungs­be­reit­schaft, in Geduld und in Groß­zü­gig­keit. Wenn unse­re Augen des Her­zens erleuch­tet wer­den, dann wer­den wir auch in der Lage sein, unse­re Geschwis­ter mit den Augen Got­tes zu sehen. Wir wer­den ihre Schwä­chen und Sün­den nicht mehr so stark wahr­neh­men, son­dern wir wer­den ihre Stär­ken erken­nen und sie ermu­ti­gen kön­nen. Wir wer­den nicht mehr rich­ten und ver­ur­tei­len, son­dern wir wer­den lie­ben und auf­bau­en.

Zusam­men­fas­send zeigt uns das Gebet des Pau­lus für die Ephe­ser, was wirk­lich wich­tig ist im christ­li­chen Leben. Es geht nicht in ers­ter Linie um äuße­re Erfol­ge, um beein­dru­cken­de Leis­tun­gen oder um eine makel­lo­se Fas­sa­de. Es geht um eine tie­fe, per­sön­li­che Bezie­hung zu Gott, um erleuch­te­te Augen des Her­zens, um die Erkennt­nis sei­ner Herr­lich­keit und um die Kraft sei­nes Geis­tes in unse­rem Leben. Die­se Din­ge kann man nicht kau­fen, nicht durch Anstren­gung errei­chen und nicht durch reli­giö­se Übun­gen ver­die­nen. Sie sind Got­tes Geschenk an uns, und er gibt sie denen, die dar­um bit­ten. Des­halb soll­ten wir dem Bei­spiel des Pau­lus fol­gen und nicht auf­hö­ren zu beten, für uns selbst und für ande­re. Wenn wir dies tun, wer­den wir erle­ben, dass Gott uns die Augen öff­net für sei­ne Wahr­heit, dass er uns sei­ne Herr­lich­keit zeigt und dass er uns mit sei­ner Kraft erfüllt. Dies ist das größ­te Aben­teu­er, das ein Mensch erle­ben kann, die Ent­de­ckung der unend­li­chen Reich­tü­mer, die in Chris­tus Jesus für uns bereit­lie­gen.

Bern­hard Beck, der Luthe­ra­ner