Epheser 1,15–19
“Darum auch ich, nachdem ich gehört habe von dem Glauben bei euch an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, höre ich nicht auf, zu danken für euch, und gedenke euer in meinem Gebet, dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen. Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde…”.
Der Apostel Paulus war ein Mann des Gebets. Wo immer er auch war, ob im Gefängnis, auf seinen Missionsreisen oder in den Gemeinden, die er besuchte, er betete für die Menschen, die Gott ihm anvertraut hatte. Im Brief an die Epheser finden wir eines der schönsten und tiefsten Gebete, das Paulus für eine Gemeinde gesprochen hat. In den Versen 1,15–19 öffnet er uns einen Blick in sein Gebetsleben und zeigt uns, worum es ihm wirklich ging, wenn er für andere Menschen betete. Dieses Gebet ist nicht nur ein historisches Dokument, sondern es hat eine zeitlose Bedeutung für jeden Christen, der nach geistlichem Wachstum und tieferer Gotteserkenntnis sucht. Wenn wir diese Verse genau betrachten, entdecken wir drei wesentliche Elemente, die auch unser eigenes Gebetsleben prägen sollten: Dankbarkeit für den Glauben anderer, die Bitte um geistliche Erkenntnis und das Verlangen nach einem tieferen Verständnis von Gottes Kraft und Herrlichkeit.
Paulus beginnt sein Gebet mit einer Aussage der Dankbarkeit. Er sagt, dass er gehört hat von dem Glauben der Epheser an den Herrn Jesus und von ihrer Liebe zu allen Heiligen. Diese beiden Merkmale, Glaube und Liebe, sind die Kennzeichen eines echten christlichen Lebens. Der Glaube richtet sich auf Jesus Christus, auf sein vollbrachtes Werk am Kreuz und auf seine Auferstehung. Die Liebe richtet sich auf die Geschwister im Glauben, auf alle, die zu Gottes Familie gehören. Paulus macht deutlich, dass beides zusammengehört. Ein Glaube ohne Liebe ist nicht vollständig, und eine Liebe ohne Glauben hat kein festes Fundament. Die Epheser hatten beides, und das erfüllte Paulus mit Freude und Dankbarkeit. Er hörte nicht auf, für sie zu danken, wie er selbst schreibt. Diese Haltung der beständigen Dankbarkeit ist bemerkenswert. Paulus war nicht jemand, der nur gelegentlich an die Gemeinde dachte oder sie nur in besonderen Momenten in sein Gebet einschloss. Vielmehr war die Fürbitte für die Gemeinden ein fester Bestandteil seines täglichen Lebens.
Diese Haltung fordert auch uns heraus. Wie oft danken wir Gott für die Glaubensgeschwister, die er uns geschenkt hat? Wie oft nehmen wir uns bewusst Zeit, um für andere Christen zu beten und Gott für ihr Leben zu danken? In unserer hektischen und schnelllebigen Zeit, in der jeder mit seinen eigenen Problemen und Aufgaben beschäftigt ist, vergessen wir leicht, dass wir Teil einer größeren Familie sind. Doch Paulus erinnert uns daran, dass wir füreinander beten und einander im Gebet vor Gott bringen sollen. Der bekannte Prediger und Missionar E.M. Bounds hat einmal gesagt: “Nichts ist zu groß und nichts ist zu klein, um es Gott im Gebet zu bringen.” Diese Aussage macht deutlich, dass jedes Anliegen, jede Sorge und auch jede Freude einen Platz im Gebet haben. Wenn Paulus für die Epheser dankt, dann erkennt er an, dass ihr Glaube und ihre Liebe nicht ihr eigenes Werk sind, sondern Gottes Gnade in ihrem Leben. Dankbarkeit im Gebet bedeutet immer auch, Gottes Wirken anzuerkennen und ihm die Ehre zu geben.


Nach dieser Danksagung kommt Paulus zum Kern seines Gebets. Er bittet Gott, den Ephesern den Geist der Weisheit und der Offenbarung zu geben, damit sie ihn erkennen können. Diese Bitte ist von zentraler Bedeutung, denn sie zeigt, dass es Paulus nicht um oberflächliches Wissen oder um theoretische Kenntnisse geht, sondern um eine tiefe, persönliche Erkenntnis Gottes. Das griechische Wort, das hier für Erkenntnis verwendet wird, meint nicht nur ein intellektuelles Verstehen, sondern eine Beziehung, ein inniges Kennen, wie man einen engen Freund kennt. Paulus möchte, dass die Epheser Gott nicht nur von außen betrachten, sondern dass sie ihn in seinem Wesen, in seiner Liebe und in seiner Herrlichkeit erkennen. Diese Art der Erkenntnis kann nicht durch menschliche Anstrengung erreicht werden. Sie ist ein Geschenk Gottes, das durch den Heiligen Geist vermittelt wird. Deshalb betet Paulus um den Geist der Weisheit und der Offenbarung.
Die Weisheit, von der Paulus spricht, ist nicht die Weisheit dieser Welt, die sich in Klugheit und Geschicklichkeit zeigt. Es ist die göttliche Weisheit, die uns befähigt, die Dinge aus Gottes Perspektive zu sehen. Der Apostel Jakobus beschreibt diese Weisheit: “Die Weisheit aber von oben her ist zuerst lauter, dann friedfertig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei” (Jakobus 3,17). Diese Weisheit verändert nicht nur unser Denken, sondern auch unser Leben. Sie hilft uns, Entscheidungen zu treffen, die Gott ehren, Beziehungen zu gestalten, die von seiner Liebe geprägt sind, und Prioritäten zu setzen, die sein Reich in den Mittelpunkt stellen. Die Offenbarung, um die Paulus bittet, meint, dass Gott uns seine Wahrheit erschließt und uns Einsichten schenkt, die wir aus eigener Kraft nicht gewinnen könnten. Es geht darum, dass der Heilige Geist uns die Augen öffnet für Gottes Gegenwart, sein Wirken und seine Absichten.
Besonders bemerkenswert ist, dass Paulus um erleuchtete Augen des Herzens bittet. Diese Formulierung zeigt, dass es nicht nur um eine Erkenntnis des Verstandes geht, sondern um eine Erkenntnis, die das ganze Wesen des Menschen ergreift. Das Herz steht in der biblischen Sprache für das Zentrum der Person, für den Ort, an dem Entscheidungen getroffen werden, an dem Liebe und Hingabe ihren Ursprung haben. Wenn die Augen des Herzens erleuchtet werden, dann verändert sich unsere gesamte Perspektive auf das Leben. Wir sehen nicht mehr nur das Sichtbare, das Materielle und das Vergängliche, sondern wir erkennen auch das Unsichtbare, das Ewige und das, was wirklich zählt. Jesus selbst hat in der Bergpredigt gesagt: “Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen” (Matthäus 5,8). Diese Reinheit des Herzens und die Erleuchtung, um die Paulus bittet, gehören zusammen. Nur ein Herz, das von Gottes Geist gereinigt und erleuchtet ist, kann Gott wirklich erkennen.
Paulus nennt dann drei konkrete Bereiche, in denen diese Erleuchtung sich auswirken soll. Der erste Bereich ist die Hoffnung, zu der wir berufen sind. Hoffnung ist in der Bibel nicht ein vages Wünschen oder ein ungewisses Hoffen, sondern eine feste Zuversicht auf das, was Gott verheißen hat. Diese Hoffnung richtet sich auf die Zukunft, auf das ewige Leben, auf die Vollendung von Gottes Reich und auf die Wiederkunft Jesu Christi. Paulus möchte, dass die Epheser diese Hoffnung klar vor Augen haben, damit sie nicht entmutigt werden durch die Schwierigkeiten der Gegenwart. Viele Christen leben, als ob es diese Hoffnung nicht gäbe. Sie sind gefangen in den Sorgen des Alltags, in den Enttäuschungen des Lebens und in der Angst vor der Zukunft. Doch wer die Augen des Herzens erleuchtet bekommt, der sieht über das Gegenwärtige hinaus und erkennt, dass das Beste noch kommt. Der Apostel Petrus schreibt: “Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe” (1. Petrus 1,3–4).
Diese lebendige Hoffnung ist nicht etwas, das wir uns selbst gemacht haben, sondern sie ist Gottes Geschenk an uns. Sie gibt uns Kraft, auch in schweren Zeiten durchzuhalten, weil wir wissen, dass die gegenwärtigen Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der zukünftigen Herrlichkeit. Paulus selbst hat diese Perspektive in seinem Leben gelebt. Obwohl er viele Verfolgungen, Entbehrungen und Leiden durchmachen musste, verlor er nie die Hoffnung, denn er wusste, dass Gott ihn zu einer großen Zukunft berufen hatte. In seinem zweiten Brief an die Korinther schreibt er: “Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig” (2. Korinther 4,17–18). Diese Haltung können auch wir einnehmen, wenn unsere Augen des Herzens erleuchtet werden.
Der zweite Bereich, den Paulus nennt, ist die Herrlichkeit von Gottes Erbe für die Heiligen. Hier geht es um das, was Gott für seine Kinder bereithält. Dieses Erbe ist unvorstellbar reich und übertrifft alles, was wir uns ausmalen können. Es umfasst nicht nur materiellen Reichtum, sondern vor allem die Gemeinschaft mit Gott, die Freude seiner Gegenwart und die Teilhabe an seiner Herrlichkeit. Paulus möchte, dass die Epheser verstehen, wie wertvoll dieses Erbe ist, damit sie nicht ihr Leben an vergängliche Dinge verschwenden. In unserer Gesellschaft dreht sich vieles um Besitz, um Status und um Erfolg. Menschen arbeiten hart, um sich ein gutes Leben aufzubauen, um Sicherheit zu haben und um ihren Kindern etwas zu hinterlassen. All das ist nicht grundsätzlich falsch, doch Paulus will uns daran erinnern, dass es etwas gibt, das viel kostbarer ist als alles Irdische. Jesus selbst hat gesagt: “Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?” (Matthäus 16,26).


Wer die Herrlichkeit von Gottes Erbe erkannt hat, der wird seine Prioritäten neu ordnen. Er wird nicht mehr dem nachjagen, was die Welt als erstrebenswert ansieht, sondern er wird nach dem trachten, was ewigen Wert hat. Dies bedeutet nicht, dass wir weltfremd oder verantwortungslos leben sollen. Im Gegenteil, wer Gottes Erbe vor Augen hat, der wird mit seinen irdischen Aufgaben und Besitztümern verantwortungsvoll umgehen, doch er wird nicht sein Herz daran hängen. Der große Missionar und Märtyrer Jim Elliot hat einmal gesagt: “Wer gibt, was er nicht behalten kann, um zu gewinnen, was er nicht verlieren kann, ist kein Narr.” Diese Aussage fasst die Haltung zusammen, die entsteht, wenn wir Gottes Erbe richtig einschätzen. Wir sind bereit, irdische Dinge loszulassen, weil wir wissen, dass uns etwas viel Größeres erwartet.
Der dritte Bereich, den Paulus in seinem Gebet nennt, ist die übergroße Kraft Gottes, die an uns wirksam ist. Hier geht es um eine Kraft, die alle menschlichen Maßstäbe übersteigt. Paulus beschreibt sie als überschwänglich groß, als eine Kraft, die durch die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wird. Diese Anhäufung von Begriffen zeigt, dass Paulus nach Worten sucht, um die Größe dieser Kraft auszudrücken. Es ist die gleiche Kraft, die Jesus von den Toten auferweckt hat, wie Paulus im weiteren Verlauf des Briefes deutlich macht. Diese Kraft steht nicht nur theoretisch zur Verfügung, sondern sie wirkt tatsächlich in denen, die glauben. Das bedeutet, dass wir als Christen nicht auf unsere eigene Kraft angewiesen sind. Wir haben Zugang zu einer göttlichen Kraft, die uns befähigt, Versuchungen zu widerstehen, Herausforderungen zu meistern und ein Leben zu führen, das Gott ehrt.
Viele Christen leben jedoch, als ob sie diese Kraft nicht hätten. Sie kämpfen mit ihrer eigenen Willenskraft gegen die Sünde, sie versuchen aus eigener Anstrengung ein gutes Leben zu führen, und sie verzweifeln, wenn sie immer wieder scheitern. Doch Paulus möchte uns die Augen öffnen für die Tatsache, dass Gottes Kraft in uns wohnt. Der Heilige Geist, der in jedem Gläubigen lebt, ist die Quelle dieser Kraft. Paulus schreibt an anderer Stelle: “Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit” (2. Timotheus 1,7). Diese Kraft zeigt sich nicht nur in spektakulären Wundern oder außergewöhnlichen Leistungen, sondern vor allem im Alltag, in der Geduld mit schwierigen Menschen, in der Ausdauer bei langwierigen Aufgaben, in der Treue zu Gott, auch wenn niemand zuschaut.
Die Erkenntnis dieser Kraft verändert unser gesamtes Leben. Wenn wir wissen, dass Gottes Kraft in uns wirkt, dann müssen wir nicht mehr aus eigener Stärke leben. Wir können uns auf ihn verlassen und darauf vertrauen, dass er uns das gibt, was wir brauchen. Jesus hat seinen Jüngern versprochen: “Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde” (Apostelgeschichte 1,8). Diese Verheißung gilt auch uns heute. Die Kraft, von der Jesus spricht, ist nicht nur für die ersten Jünger bestimmt gewesen, sondern sie ist für alle, die an ihn glauben. Diese Kraft befähigt uns, Zeugen Jesu zu sein, sein Evangelium weiterzugeben und ein Leben zu führen, das andere Menschen auf ihn hinweist.
Das Gebet des Paulus zeigt uns auch, wie wir selbst beten sollten. Oft kreisen unsere Gebete um materielle Bedürfnisse, um Gesundheit, um beruflichen Erfolg oder um die Lösung konkreter Probleme. All diese Anliegen sind legitim, und Gott lädt uns ein, mit allem zu ihm zu kommen. Doch Paulus erinnert uns daran, dass die wichtigsten Gebetsanliegen geistlicher Natur sind. Es ist wichtiger, um Erkenntnis Gottes zu beten als um äußere Segnungen. Es ist wichtiger, um erleuchtete Augen des Herzens zu beten als um die Erfüllung unserer Wünsche. Es ist wichtiger, die Hoffnung unserer Berufung zu verstehen als kurzfristige Erleichterungen zu erfahren. Diese Prioritäten sollten auch in unserem Gebetsleben sichtbar werden. Wenn wir für uns selbst oder für andere beten, dann sollten wir zuerst um geistliches Wachstum, um Gotteserkenntnis und um die Kraft des Heiligen Geistes bitten.
Der Theologe und Erweckungsprediger Jonathan Edwards hat einmal gesagt: “Gebet ist das Hauptmittel, das Gott bestimmt hat, um uns die Segnungen zu vermitteln, die er für uns bereithält.” Diese Aussage unterstreicht die Bedeutung des Gebets. Gott hat unendlich viele Segnungen für uns, doch er möchte, dass wir darum bitten. Das Gebet ist nicht dazu da, Gottes Willen zu ändern, sondern es verändert uns. Wenn wir beten, öffnen wir uns für Gottes Wirken, wir stimmen uns auf seine Absichten ein und wir werden empfänglich für das, was er uns geben möchte. Paulus hat dies verstanden, und deshalb betete er unablässig für die Gemeinden, die er gegründet hatte. Er wusste, dass sein Gebet eine wichtige Rolle spielte im geistlichen Wachstum dieser Christen.


Es ist auch bemerkenswert, dass Paulus Gott als den Vater der Herrlichkeit anspricht. Diese Bezeichnung macht deutlich, dass Gott die Quelle aller Herrlichkeit ist. Alles, was schön, gut und vollkommen ist, hat seinen Ursprung in ihm. Wenn wir beten, wenden wir uns nicht an eine unpersönliche Kraft oder an eine ferne Gottheit, sondern an den Vater, der uns liebt und der uns seine Herrlichkeit offenbaren möchte. Jesus selbst hat uns gelehrt, Gott als Vater anzusprechen, als er seinen Jüngern das Vaterunser beibrachte. Diese Vaterbeziehung gibt unserem Gebet eine Vertrautheit und eine Zuversicht, die auf Gottes Liebe gründet. Wir dürfen wissen, dass unser himmlischer Vater gute Gaben für uns bereithält und dass er uns hört, wenn wir zu ihm rufen.
Leider gibt es auch unter Christen eine Tendenz, den Namen „Vater“ zu verniedlichen, indem man Gott als „mein Papi“ oder „Dad“ bezeichnet. Doch diese Art der Anrede hat nichts mit dem zu tun, was Paulus meint, wenn er von Gott als dem Vater der Herrlichkeit spricht. Jesus lehrt uns, Gott als Vater anzurufen; aber dieser Vater bleibt zugleich der allmächtige, heilige Gott, vor dem Engel ihr Angesicht verhüllen. Die kindliche Nähe, zu der wir eingeladen sind, hebt die Ehrfurcht nicht auf, sondern vertieft sie. Darum sollten wir Gott mit Liebe und Vertrauen begegnen, aber ebenso mit der Würde und Hochachtung, die seinem Namen gebührt.
Das Gebet des Paulus für die Epheser ist also weit mehr als ein schöner Text aus der Bibel. Es ist ein Vorbild für unser eigenes Gebetsleben und eine Einladung, tiefer in die Erkenntnis Gottes einzudringen. Wenn wir uns Zeit nehmen, um über diese Verse nachzudenken und sie zu unserem eigenen Gebet zu machen, dann werden wir feststellen, dass sich unser Blick weitet. Wir werden anfangen, die Dinge aus Gottes Perspektive zu sehen. Wir werden erkennen, welche Hoffnung er uns gegeben hat, welches Erbe auf uns wartet und welche Kraft in uns wirksam ist. Diese Erkenntnis wird unser Leben verändern. Sie wird uns Freude geben auch in schwierigen Umständen, sie wird uns Kraft geben, wenn wir schwach sind, und sie wird uns Hoffnung geben, wenn alles hoffnungslos erscheint.
Praktisch bedeutet dies, dass wir uns angewöhnen sollten, regelmäßig für uns selbst und für andere um diese geistlichen Segnungen zu beten. Wir können die Worte des Paulus zu unserem eigenen Gebet machen und Gott bitten, uns den Geist der Weisheit und der Offenbarung zu geben. Wir können ihn bitten, die Augen unseres Herzens zu erleuchten, damit wir seine Herrlichkeit sehen. Wir können ihn bitten, uns die Hoffnung unserer Berufung vor Augen zu stellen, damit wir nicht mutlos werden. Wir können ihn bitten, uns die Größe seines Erbes zu zeigen, damit wir unsere Prioritäten richtig setzen. Und wir können ihn bitten, uns seine Kraft erfahren zu lassen, damit wir nicht aus eigener Stärke leben müssen. Solche Gebete werden nicht unbeantwortet bleiben, denn Gott freut sich, wenn wir nach geistlichen Dingen suchen.
Die Verse aus Epheser 1,15–19 lehren uns auch, dass Glaube und Liebe untrennbar zusammengehören. Paulus dankt Gott für beides, für den Glauben an Jesus und für die Liebe zu den Heiligen. Ein Glaube, der sich nicht in Liebe zeigt, ist kein echter Glaube. Der Apostel Johannes schreibt: “Wer sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht” (1. Johannes 4,20). Diese klare Aussage macht deutlich, dass unsere Liebe zu Gott sich in unserer Liebe zu den Geschwistern zeigen muss. Die Epheser hatten dies verstanden. Sie liebten nicht nur einige wenige Menschen, die ihnen sympathisch waren, sondern sie liebten alle Heiligen, alle, die zu Gottes Familie gehörten. Diese umfassende Liebe ist ein Zeichen dafür, dass der Heilige Geist in ihnen wirkte.
Auch wir sind herausgefordert, unsere Liebe zu prüfen. Lieben wir wirklich alle Geschwister im Glauben, oder sind wir wählerisch und bevorzugen wir bestimmte Menschen? Jesus hat gesagt: “Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt” (Johannes 13,35). Diese Liebe ist das Erkennungszeichen der Christen. Sie ist nicht nur ein Gefühl, sondern sie zeigt sich in konkreten Taten, in Hilfsbereitschaft, in Vergebungsbereitschaft, in Geduld und in Großzügigkeit. Wenn unsere Augen des Herzens erleuchtet werden, dann werden wir auch in der Lage sein, unsere Geschwister mit den Augen Gottes zu sehen. Wir werden ihre Schwächen und Sünden nicht mehr so stark wahrnehmen, sondern wir werden ihre Stärken erkennen und sie ermutigen können. Wir werden nicht mehr richten und verurteilen, sondern wir werden lieben und aufbauen.
Zusammenfassend zeigt uns das Gebet des Paulus für die Epheser, was wirklich wichtig ist im christlichen Leben. Es geht nicht in erster Linie um äußere Erfolge, um beeindruckende Leistungen oder um eine makellose Fassade. Es geht um eine tiefe, persönliche Beziehung zu Gott, um erleuchtete Augen des Herzens, um die Erkenntnis seiner Herrlichkeit und um die Kraft seines Geistes in unserem Leben. Diese Dinge kann man nicht kaufen, nicht durch Anstrengung erreichen und nicht durch religiöse Übungen verdienen. Sie sind Gottes Geschenk an uns, und er gibt sie denen, die darum bitten. Deshalb sollten wir dem Beispiel des Paulus folgen und nicht aufhören zu beten, für uns selbst und für andere. Wenn wir dies tun, werden wir erleben, dass Gott uns die Augen öffnet für seine Wahrheit, dass er uns seine Herrlichkeit zeigt und dass er uns mit seiner Kraft erfüllt. Dies ist das größte Abenteuer, das ein Mensch erleben kann, die Entdeckung der unendlichen Reichtümer, die in Christus Jesus für uns bereitliegen.
Bernhard Beck, der Lutheraner
