Epheser 1,11–14
“In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens; damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit, die wir zuvor auf Christus gehofft haben. In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit – in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist, welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.”
In den Versen 1,11–14 entfaltet der Apostel Paulus eine gewaltige Vision, die unser Leben als Christen grundlegend prägt und unserem Dasein einen ewigen Sinn verleiht. Diese Verse sprechen von nichts Geringerem als von Gottes großem Plan für jeden einzelnen Menschen, der an Jesus Christus glaubt. Sie zeigen uns, dass unser Leben kein Zufall ist, sondern dass Gott selbst uns in seine Geschichte hineingenommen hat und uns zu seinen Erben gemacht hat.
Wenn wir diese Verse genau betrachten, entdecken wir drei zentrale Wahrheiten, die unser Leben verändern können. Die erste Wahrheit lautet, dass wir in Christus zu Erben eingesetzt worden sind. Das bedeutet, dass wir nicht aus eigener Kraft oder durch besondere Leistungen zu dieser Würde gelangt sind, sondern dass Gott selbst uns dazu bestimmt hat. Er hat beschlossen, uns in sein Reich aufzunehmen und uns an allem teilhaben zu lassen, was ihm gehört. Diese Erbschaft ist keine materielle Angelegenheit, sondern sie umfasst das ewige Leben, die Gemeinschaft mit Gott und die Herrlichkeit seines Reiches. Paulus betont ausdrücklich, dass dies nach dem Vorsatz dessen geschieht, der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens. Gott handelt also nicht willkürlich oder spontan, sondern nach einem durchdachten Plan, der von Ewigkeit her feststeht.
Diese Vorstellung mag für manche Menschen zunächst befremdlich wirken, denn sie stellt die Frage nach der menschlichen Freiheit und Verantwortung. Doch Paulus geht es hier nicht darum, philosophische Diskussionen anzustoßen, sondern er möchte den Gläubigen die Gewissheit geben, dass ihr Glaube auf einem festen Fundament steht. Wer an Christus glaubt, darf wissen, dass dieser Glaube nicht auf schwankendem Grund ruht, sondern in Gottes ewigem Ratschluss verankert ist. Der Theologe und Reformator Johannes Calvin hat einmal gesagt: “Unsere Erwählung ist in Gottes ewigem Ratschluss verborgen, aber sie wird uns in Christus offenbar.” Diese Aussage trifft den Kern dessen, was Paulus hier vermitteln möchte. Wir müssen nicht in quälender Unsicherheit leben oder uns fragen, ob Gott uns wirklich annimmt. In Christus haben wir die Gewissheit, dass wir zu Gottes Familie gehören.
Wie oft quälen wir uns mit der Frage, ob wir wirklich zu Gott gehören, ob unser Glaube ausreicht, ob unsere Fehler uns nicht doch von ihm trennen könnten. Diese inneren Anfechtungen sind vielen Gläubigen vertraut. Doch genau hier will Paulus uns entlasten: Unsere Sicherheit liegt nicht in der Stärke unseres Glaubens, sondern in der Treue Gottes. Nicht unser wechselhaftes Empfinden entscheidet über unsere Zugehörigkeit, sondern Gottes unwandelbarer Ratschluss, der in Christus sichtbar geworden ist. Wer auf Christus vertraut, darf wissen, dass er nicht am seidenen Faden hängt, sondern in Gottes Hand geborgen ist.


Die zweite große Wahrheit dieser Verse liegt in der Aussage, dass wir dazu bestimmt sind, zum Lob seiner Herrlichkeit zu sein. Hier wird der Zweck unserer Erlösung deutlich. Gott hat uns nicht nur gerettet, damit wir selbst ein besseres Leben haben oder uns an himmlischen Segnungen erfreuen können. Vielmehr hat unser Leben ein höheres Ziel, nämlich Gottes Herrlichkeit sichtbar zu machen und ihn zu ehren. Diese Perspektive verändert unsere gesamte Lebensführung. Wenn wir erkennen, dass unser Leben dazu da ist, Gottes Größe und Güte zu bezeugen, dann bekommen alltägliche Entscheidungen eine neue Bedeutung. Dann fragen wir nicht mehr nur, was uns selbst nützt oder was uns glücklich macht, sondern wir fragen, wie wir durch unser Leben Gott ehren können. Paulus sagt, dass wir zuvor auf Christus gehofft haben. Damit meint er, dass die ersten Christen, zu denen auch er selbst gehörte, bereits vor dem Kommen Jesu auf den verheißenen Messias gewartet haben. Doch diese Hoffnung war nicht vergeblich, sondern sie hat sich in Jesus erfüllt.
Doch daran müssen wir Christen noch arbeiten, denn allzu oft kreisen unsere Gedanken mehr um uns selbst als um die Ehre Gottes. Wir fragen nach unserem Nutzen, unserem Wohlbefinden, unserem Erfolg; und verlieren dabei leicht aus dem Blick, dass unser Leben letztlich dazu bestimmt ist, Gottes Herrlichkeit sichtbar zu machen. Diese Selbstbezogenheit ist eine der tiefsten Wurzeln der Sünde, und sie begleitet uns auch als Gläubige. Darum ruft uns Paulus immer wieder dazu auf, unseren Blick von uns selbst weg und auf Christus hin zu richten. Erst wenn er im Mittelpunkt steht, beginnt unser Leben wirklich das zu widerspiegeln, wozu wir erwählt und berufen sind: zum Lob seiner Herrlichkeit.
Die dritte zentrale Wahrheit betrifft die Versiegelung mit dem Heiligen Geist. Paulus wendet sich hier direkt an seine Leser und sagt ihnen, dass auch sie, nachdem sie das Wort der Wahrheit gehört haben, nämlich das Evangelium ihrer Rettung, versiegelt worden sind mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist. Diese Versiegelung ist ein kraftvolles Bild, das mehrere Bedeutungen hat. In der antiken Welt wurde ein Siegel verwendet, um Eigentum zu kennzeichnen, um Dokumente zu beglaubigen und um etwas zu schützen. All diese Bedeutungen schwingen hier mit. Der Heilige Geist ist das Siegel Gottes, das uns als sein Eigentum ausweist. Er ist die Beglaubigung dafür, dass wir wirklich zu Gott gehören und dass seine Verheißungen für uns gelten. Zugleich ist er auch unser Schutz, denn niemand kann uns aus Gottes Hand reißen, wenn wir mit seinem Geist versiegelt sind.


Besonders bemerkenswert ist, dass Paulus den Heiligen Geist als das Unterpfand unseres Erbes bezeichnet. Das griechische Wort, das hier verwendet wird, bedeutet so viel wie Anzahlung oder Garantie. In der Geschäftswelt wurde damit eine erste Teilzahlung bezeichnet, die den Abschluss eines Vertrags garantierte und die Verpflichtung zur vollständigen Zahlung sicherstellte. Der Heilige Geist ist also nicht das ganze Erbe, sondern er ist die Garantie dafür, dass wir das volle Erbe einmal empfangen werden. Er ist gleichsam der Vorgeschmack auf die kommende Herrlichkeit. Wer den Heiligen Geist empfangen hat, der hat bereits jetzt einen kleinen Einblick in das, was Gott für die Zukunft bereithält. Die Freude, die der Geist schenkt, die Liebe, die er in unsere Herzen ausgießt, und die Kraft, die er zum Leben gibt, sind erste Anzeichen der vollkommenen Erlösung, die noch kommt.
Jesus selbst hat seinen Jüngern verheißen, dass er ihnen den Heiligen Geist senden wird. Im Johannesevangelium lesen wir: “Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe” (Johannes 14,26). Diese Verheißung hat sich an Pfingsten erfüllt, als der Heilige Geist auf die Jünger herabkam und sie mit Kraft erfüllte. Seitdem ist der Heilige Geist bei allen, die an Jesus Christus glauben. Er wohnt in uns, er leitet uns, er tröstet uns und er gibt uns die Gewissheit, dass wir Gottes Kinder sind. Der Apostel Paulus schreibt an anderer Stelle: “Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind” (Römer 8,16). Diese innere Gewissheit ist keine Einbildung oder Selbsttäuschung, sondern sie ist das Werk des Heiligen Geistes in uns.
Paulus betont, dass diese Versiegelung geschieht, nachdem wir das Wort der Wahrheit gehört haben und gläubig geworden sind. Das macht deutlich, dass der Glaube eine Antwort auf Gottes Wort ist. Wir kommen nicht durch religiöse Übungen oder durch gute Werke zu Gott, sondern durch das Hören und Annehmen des Evangeliums. Das Evangelium ist die gute Nachricht von unserer Rettung, die Botschaft, dass Jesus Christus für unsere Schuld gestorben und von den Toten auferstanden ist. Wer diese Botschaft hört und ihr glaubt, der empfängt den Heiligen Geist als Siegel und Garantie des ewigen Lebens. Dies ist kein komplizierter religiöser Vorgang, sondern eine einfache und klare Zusage Gottes. Er verspricht jedem, der an seinen Sohn glaubt, den Heiligen Geist und damit das ewige Leben.
Doch es muss auch geglaubt werden, denn ohne den Glauben gibt es keinen Heiligen Geist. Gottes Zusage ist klar und zuverlässig, aber sie wird nur dort wirksam, wo sie im Herzen angenommen wird. Der Heilige Geist wird nicht automatisch oder unabhängig vom Glauben verliehen, sondern er kommt zu denen, die das Evangelium hören und ihm vertrauen. Glaube ist die geöffnete Hand, die das Geschenk Gottes empfängt. Wer das Wort der Wahrheit ablehnt oder gleichgültig an sich vorbeiziehen lässt, bleibt auch ohne das Siegel des Geistes. Darum ruft uns die Schrift immer wieder dazu auf, das Evangelium nicht nur zu hören, sondern ihm von Herzen zu glauben; denn im Glauben verbindet uns Gott selbst mit Christus und schenkt uns seinen Geist.
Das Ziel dieser ganzen Erlösung ist wiederum das Lob der Herrlichkeit Gottes. Paulus wiederholt diesen Gedanken am Ende der Verse noch einmal, um seine Bedeutung zu unterstreichen. Wir sind nicht nur zu Erben eingesetzt und mit dem Heiligen Geist versiegelt, damit wir selbst gesegnet werden, sondern damit Gottes Herrlichkeit in unserem Leben sichtbar wird. Wenn Menschen sehen, wie Gott unser Leben verändert hat, wie er uns Hoffnung und Freude schenkt, wie er uns durch schwere Zeiten trägt und wie er uns zu einem neuen Leben befähigt, dann wird seine Herrlichkeit offenbar. Dann können auch andere erkennen, dass Gott wirklich ist und dass er sich um seine Menschen kümmert. Unser Leben soll also ein lebendiges Zeugnis für die Größe und Güte Gottes sein.
Doch hier versagen wir immer wieder, denn die Welt sieht uns diese Herrlichkeit Gottes oft nicht an. Statt eines Lebens, das Hoffnung, Frieden und Freude ausstrahlt, gleichen wir der Welt manchmal so sehr, dass kaum ein Unterschied erkennbar ist. Wir klagen, jammern und verzweifeln wie alle anderen; und vergessen dabei, dass wir Träger einer himmlischen Hoffnung sind. Wenn unser Leben nicht von der Freude des Evangeliums geprägt ist, sondern von denselben Sorgen und Reaktionen wie die Welt, dann bleibt das Zeugnis der Herrlichkeit Gottes verborgen. Darum ruft uns Paulus dazu auf, unser Herz neu auf Christus auszurichten, damit sein Licht in uns sichtbar wird und die Welt erkennt, wem wir gehören.


Der bedeutende Evangelist Charles Spurgeon hat einmal gesagt: “Gott wird am meisten verherrlicht, wenn wir am meisten von ihm abhängig sind.” Diese Aussage passt wunderbar zu dem, was Paulus hier lehrt. Wir verherrlichen Gott nicht dadurch, dass wir aus eigener Kraft große Dinge vollbringen, sondern dadurch, dass wir anerkennen, dass alles von ihm kommt. Wenn wir erkennen, dass wir Erben sind durch seinen Willen, dass wir versiegelt sind durch seinen Geist und dass unser ganzes Leben seinem Lob dienen soll, dann nehmen wir die richtige Haltung ein. Dann leben wir nicht mehr für uns selbst, sondern für den, der uns berufen und erlöst hat.
Diese Verse aus dem Epheserbrief fordern uns auch heraus, unser Leben zu prüfen. Haben wir wirklich das Wort der Wahrheit gehört und angenommen? Leben wir in der Gewissheit, dass wir durch den Heiligen Geist versiegelt sind? Dient unser Leben dem Lob der Herrlichkeit Gottes? Diese Fragen sind nicht dazu da, uns zu ängstigen oder zu verunsichern, sondern sie sollen uns helfen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Viele Menschen leben heute ohne klare Orientierung, ohne festen Halt und ohne echte Hoffnung. Sie suchen nach Sinn und Erfüllung in den verschiedensten Bereichen, doch nichts kann ihre tiefste Sehnsucht stillen. Doch wer diese Verse wirklich versteht und annimmt, der hat eine tragfähige Grundlage für sein Leben gefunden. Er weiß, woher er kommt, wozu er da ist und wohin er geht.
Paulus verwendet in diesen Versen eine Sprache, die reich an Bildern und Bedeutungen ist. Er spricht von Erben, von Versiegelung, von Unterpfand und von Erlösung. All diese Begriffe hatten für seine damaligen Leser eine unmittelbare Bedeutung, doch sie sprechen auch heute noch zu uns. Wenn wir verstehen, dass wir Erben Gottes sind, dann verändert das unsere Selbstwahrnehmung. Wir sind nicht mehr Sklaven der Sünde oder des Zufalls, sondern wir sind Kinder Gottes mit einem königlichen Erbe. Wenn wir verstehen, dass wir versiegelt sind, dann haben wir Sicherheit und Gewissheit. Wir müssen nicht mehr ständig zweifeln oder uns fragen, ob Gott uns wirklich annimmt. Wenn wir verstehen, dass der Heilige Geist das Unterpfand ist, dann haben wir Hoffnung für die Zukunft. Das Beste kommt noch, und was wir jetzt erleben, ist nur ein Vorgeschmack darauf.
Wichtig ist auch zu erkennen, dass diese großen geistlichen Wahrheiten praktische Konsequenzen für unser tägliches Leben haben. Wenn wir wissen, dass wir zu Gottes Eigentum geworden sind zum Lob seiner Herrlichkeit, dann beeinflusst das unsere Entscheidungen, unsere Beziehungen und unsere Prioritäten. Dann fragen wir uns, wie wir mit unserer Zeit, unseren Begabungen und unseren Möglichkeiten Gott ehren können. Dann leben wir nicht mehr nur für den Moment oder für unsere eigenen Wünsche, sondern wir leben im Bewusstsein, dass unser Leben Teil eines größeren Plans ist. Diese Perspektive gibt unserem Leben Tiefe und Bedeutung, die weit über das Alltägliche hinausgeht.
Abschließend lässt sich sagen, dass diese Verse aus Epheser 1 eine der kraftvollsten Aussagen über die christliche Erlösung enthalten, die wir in der Bibel finden. Sie zeigen uns, dass Gott selbst die Initiative ergriffen hat, um uns zu retten. Sie zeigen uns, dass unser Glaube auf einem festen Fundament steht, nämlich auf Gottes ewigem Ratschluss. Sie zeigen uns, dass wir durch den Heiligen Geist versiegelt sind und damit eine Garantie für das ewige Leben haben. Und sie zeigen uns, dass unser Leben einen höheren Zweck hat, nämlich Gottes Herrlichkeit zu bezeugen. Wer diese Wahrheiten wirklich erfasst und in sein Leben aufnimmt, der wird eine Veränderung erleben. Er wird Freude haben am Glauben, Gewissheit haben in schweren Zeiten und Hoffnung haben für die Zukunft. Er wird sein Leben nicht mehr als bedeutungslos oder zufällig empfinden, sondern als Teil von Gottes großem Plan. Und er wird erkennen, dass die größte Ehre, die einem Menschen zuteil werden kann, darin besteht, Gottes Eigentum zu sein und sein Lob zu verkündigen. Diese Botschaft ist nicht nur für die ersten Christen bestimmt gewesen, sondern sie gilt bis heute für jeden, der an Jesus Christus glaubt und sein Leben ihm anvertraut.
Bernhard Beck, der Lutheraner
