Ephe­ser 1,7–10

Die Ver­se aus Ephe­ser 1,7–10 füh­ren uns wei­ter in die Tie­fen der gött­li­chen Gna­de und offen­ba­ren uns, was Gott durch Jesus Chris­tus für uns getan hat und wel­chen groß­ar­ti­gen Plan er für die gesam­te Schöp­fung hat. Pau­lus schreibt: “In ihm haben wir die Erlö­sung durch sein Blut, die Ver­ge­bung der Sün­den, nach dem Reich­tum sei­ner Gna­de, die er uns reich­lich hat wider­fah­ren las­sen in aller Weis­heit und Klug­heit. Denn Gott hat uns wis­sen las­sen das Geheim­nis sei­nes Wil­lens nach sei­nem Rat­schluss, den er zuvor in Chris­tus gefasst hat­te, um ihn aus­zu­füh­ren, wenn die Zeit erfüllt wäre, dass alles zusam­men­ge­fasst wür­de in Chris­tus, was im Him­mel und auf Erden ist.”

Die­se Wor­te sind von sol­cher Dich­te und Tie­fe, dass wir sie lang­sam und sorg­fäl­tig betrach­ten müs­sen, um ihre vol­le Bedeu­tung zu erfas­sen. Wenn Pau­lus sagt, dass wir in Chris­tus die Erlö­sung haben, dann spricht er von einer voll­ende­ten Tat­sa­che, nicht von einer Hoff­nung, die sich viel­leicht irgend­wann erfül­len könn­te. Das grie­chi­sche Wort für Erlö­sung trägt die Bedeu­tung von Los­kauf oder Befrei­ung und wur­de ursprüng­lich für die Frei­las­sung von Skla­ven ver­wen­det. Wir waren Skla­ven der Sün­de, gebun­den an ihre zer­stö­re­ri­sche Macht und unfä­hig, uns selbst zu befrei­en, doch Chris­tus hat uns los­ge­kauft und in die Frei­heit geführt.

Der Preis die­ser Erlö­sung war sein Blut, das heißt sein Leben, das er am Kreuz von Gol­ga­tha für uns hin­ge­ge­ben hat. Die­se Wahr­heit ist zen­tral für den christ­li­chen Glau­ben und darf nie­mals abge­schwächt oder in ihrer Bedeu­tung geschmä­lert wer­den. Ohne Blut­ver­gie­ßen gibt es nach bibli­schem Zeug­nis kei­ne Ver­ge­bung der Sün­den, wie es in Hebrä­er 9,22 heißt: “Und es wird fast alles mit Blut gerei­nigt nach dem Gesetz, und ohne Blut­ver­gie­ßen geschieht kei­ne Ver­ge­bung.” Man­che Men­schen emp­fin­den die­se Leh­re als anstö­ßig oder pri­mi­tiv, doch sie zeigt uns die erns­te Rea­li­tät der Sün­de und die Kost­bar­keit der Erlö­sung. Sün­de ist nicht ein­fach ein klei­ner Feh­ler oder eine Schwä­che, die über­se­hen wer­den könn­te, son­dern sie ist eine Rebel­li­on gegen den hei­li­gen Gott, die den Tod ver­dient. Gott konn­te die Sün­de nicht ein­fach igno­rie­ren oder weg­wi­schen, ohne sei­ne eige­ne Gerech­tig­keit zu ver­let­zen. Statt­des­sen hat er in sei­ner uner­mess­li­chen Lie­be einen Weg gefun­den, sowohl gerecht zu sein als auch den Sün­der zu recht­fer­ti­gen, indem er sei­nen eige­nen Sohn sand­te, der die Stra­fe an unse­rer Stel­le trug.

Und doch gibt es heu­te Geist­li­che, die das Blut­ver­gie­ßen am Kreuz schmä­lern oder sogar leug­nen. Man­che spre­chen nur noch von Jesu Vor­bild, sei­ner Lie­be, sei­ner Mensch­lich­keit; aber nicht mehr von sei­nem stell­ver­tre­ten­den Opfer. Ande­re redu­zie­ren das Kreuz auf ein Sym­bol für Soli­da­ri­tät oder Gewalt­lo­sig­keit, als wäre Gol­ga­tha nur eine mora­li­sche Bot­schaft und nicht der Ort, an dem die Schuld der Welt getra­gen wur­de. Wenn das Blut Chris­ti aus der Ver­kün­di­gung ver­schwin­det, ver­liert das Evan­ge­li­um sei­ne Mit­te. Denn ohne das Kreuz bleibt nur ein mora­li­scher Appell übrig, aber kei­ne Ret­tung. Eine Kir­che, die das Opfer Jesu rela­ti­viert, mag modern wir­ken, doch sie nimmt den Men­schen das Ein­zi­ge, was wirk­lich Hoff­nung schenkt: die Gewiss­heit, dass unse­re Sün­de bezahlt ist, ein für alle Mal.

Die Erlö­sung, von der Pau­lus spricht, zeigt sich kon­kret in der Ver­ge­bung der Sün­den. Die­se Ver­ge­bung ist nicht teil­wei­se oder vor­läu­fig, son­dern voll­stän­dig und end­gül­tig. Wenn Gott uns ver­gibt, dann tilgt er unse­re Schuld voll­stän­dig aus und gedenkt unse­rer Sün­den nicht mehr. Der Pro­phet Jesa­ja ver­kün­de­te in Kapi­tel 43,25: “Ich, ich til­ge dei­ne Über­tre­tun­gen um mei­net­wil­len und geden­ke dei­ner Sün­den nicht.” Die­se Ver­ge­bung ist ein Geschenk, das wir nicht ver­die­nen und nie­mals ver­die­nen könn­ten, aber sie wird uns frei ange­bo­ten auf­grund des Opfers Chris­ti. Vie­le Men­schen, auch vie­le Chris­ten, kämp­fen mit Schuld­ge­füh­len und kön­nen sich selbst nicht ver­ge­ben, obwohl Gott ihnen längst ver­ge­ben hat. Sie schlep­pen die Last ihrer Ver­gan­gen­heit mit sich her­um und leben in stän­di­ger Selbst­an­kla­ge. Doch die Bibel lehrt uns, dass wenn Gott ver­gibt, die Sün­de wirk­lich weg ist. Pau­lus schreibt in Römer 8,1: “So gibt es nun kei­ne Ver­damm­nis für die, die in Chris­tus Jesus sind.” Wenn wir die­se Wahr­heit wirk­lich erfas­sen, kann sie uns von der läh­men­den Last der Schuld befrei­en und uns erlau­ben, in der Frei­heit zu leben, für die Chris­tus uns befreit hat.

Die­se Ver­ge­bung geschieht nach dem Reich­tum der Gna­de Got­tes. Pau­lus hät­te sagen kön­nen, dass sie aus sei­ner Gna­de geschieht, aber er geht wei­ter und spricht von dem Reich­tum die­ser Gna­de. Gott ist nicht gei­zig oder klein­lich in sei­ner Ver­ge­bung, son­dern er ver­gibt aus der Fül­le sei­ner uner­schöpf­li­chen Gna­de. Egal wie schwer unse­re Sün­den sein mögen, egal wie oft wir ver­sagt haben, die Gna­de Got­tes ist immer grö­ßer. Der Apos­tel Johan­nes schreibt in 1. Johan­nes 1,9: “Wenn wir aber uns­re Sün­den beken­nen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sün­den ver­gibt und rei­nigt uns von aller Unge­rech­tig­keit.” Die Beto­nung liegt auf aller Unge­rech­tig­keit. Es gibt kei­ne Sün­de, die zu groß wäre für Got­tes ver­ge­ben­de Gna­de, kei­ne Ver­gan­gen­heit, die so dun­kel wäre, dass Got­tes Licht sie nicht erhel­len könn­te. Der bekann­te eng­li­sche Pre­di­ger Charles Had­don Spur­ge­on sag­te ein­mal: “Die Gna­de Got­tes ist wie ein Oze­an ohne Ufer und ohne Grund. Du magst tief in die Sün­de hin­ab­ge­stie­gen sein, aber die Gna­de Got­tes reicht noch tie­fer.”

Gott hat uns die­se Gna­de reich­lich wider­fah­ren las­sen in aller Weis­heit und Klug­heit. Hier zeigt uns Pau­lus, dass Got­tes Gna­de nicht blind oder unüber­legt ist, son­dern dass sie mit voll­kom­me­ner Weis­heit und Ein­sicht ver­bun­den ist. Gott weiß genau, was er tut, wenn er uns ver­gibt und erlöst. Er kennt unse­re Schwä­chen, unse­re Nei­gun­gen, unse­re Zukunft, und den­noch hat er sich ent­schie­den, uns sei­ne Gna­de zu schen­ken. Die­se Weis­heit Got­tes zeigt sich auch dar­in, wie er sei­nen Erlö­sungs­plan durch die gesam­te Geschich­te hin­durch vor­be­rei­tet und schließ­lich in Chris­tus erfüllt hat. Was für die Men­schen oft wie Zufäl­le oder unzu­sam­men­hän­gen­de Ereig­nis­se aus­sieht, ist in Wirk­lich­keit Teil eines sorg­fäl­tig aus­ge­ar­bei­te­ten gött­li­chen Plans. Die Weis­heit Got­tes über­steigt unser mensch­li­ches Ver­ste­hen bei wei­tem, wie Pau­lus in Römer 11,33 aus­ruft: “O welch eine Tie­fe des Reich­tums, bei­des, der Weis­heit und der Erkennt­nis Got­tes! Wie unbe­greif­lich sind sei­ne Gerich­te und uner­forsch­lich sei­ne Wege!”

Nun offen­bart Pau­lus uns etwas, das er als Geheim­nis des Wil­lens Got­tes bezeich­net. Ein Geheim­nis im bibli­schen Sin­ne ist nicht etwas, das für immer ver­bor­gen blei­ben soll, son­dern etwas, das zuvor ver­bor­gen war und nun offen­bart wur­de. Gott hat uns wis­sen las­sen, was sein Plan ist, er hat es uns nicht vor­ent­hal­ten, son­dern in sei­ner Gna­de geof­fen­bart. Die­ser Plan wur­de in Chris­tus gefasst, was bedeu­tet, dass Jesus das Zen­trum und das Herz­stück des gött­li­chen Heils­plans ist. Alles dreht sich um ihn, alles läuft auf ihn zu, alles fin­det in ihm sei­ne Erfül­lung. Die Bibel ist nicht eine Samm­lung zusam­men­hang­lo­ser reli­giö­ser Geschich­ten, son­dern sie erzählt eine gro­ße Geschich­te, die auf Chris­tus hin­weist. Im Alten Tes­ta­ment fin­den wir Pro­phe­zei­un­gen, Vor­bil­der und Hin­wei­se auf den kom­men­den Erlö­ser. In den Evan­ge­li­en sehen wir sein Leben, sei­nen Tod und sei­ne Auf­er­ste­hung. In den Brie­fen ver­ste­hen wir die Bedeu­tung sei­nes Wer­kes. Und in der Offen­ba­rung sehen wir sei­ne zukünf­ti­ge Herr­schaft und die Voll­endung aller Din­ge.

Die­ser Rat­schluss soll­te aus­ge­führt wer­den, wenn die Zeit erfüllt wäre. Gott arbei­tet nach einem gött­li­chen Zeit­plan, und alles geschieht genau zum rich­ti­gen Zeit­punkt. Pau­lus schreibt in Gala­ter 4,4–5: “Als aber die Zeit erfüllt war, sand­te Gott sei­nen Sohn, gebo­ren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlös­te, damit wir die Kind­schaft emp­fin­gen.” Jesus kam nicht zu früh und nicht zu spät, son­dern genau zur rich­ti­gen Zeit. Und auch die Voll­endung von Got­tes Plan wird zur rich­ti­gen Zeit gesche­hen. Wir leben in einer Zeit des War­tens, in der schon vie­les erfüllt ist, aber noch nicht alles. Das Reich Got­tes ist bereits ange­bro­chen, aber es ist noch nicht in sei­ner gan­zen Fül­le sicht­bar. Wir leben zwi­schen der ers­ten und der zwei­ten Ankunft Chris­ti, zwi­schen dem schon und dem noch nicht. Die­se Span­nung kann manch­mal schwer aus­zu­hal­ten sein, beson­ders wenn wir Leid erle­ben oder die Unge­rech­tig­keit in der Welt sehen, doch wir dür­fen dar­auf ver­trau­en, dass Gott sei­nen Plan voll­enden wird.

Das ulti­ma­ti­ve Ziel die­ses Plans ist, dass alles zusam­men­ge­fasst wird in Chris­tus, was im Him­mel und auf Erden ist. Die­se Visi­on ist von atem­be­rau­ben­der Grö­ße. Pau­lus spricht nicht nur von der Erlö­sung eini­ger Men­schen, son­dern von der Wie­der­her­stel­lung und Zusam­men­fas­sung der gesam­ten Schöp­fung unter der Herr­schaft Chris­ti. Die Sün­de hat nicht nur die Mensch­heit beschä­digt, son­dern die gan­ze Schöp­fung. Pau­lus beschreibt dies in Römer 8,19–22: “Denn das ängst­li­che Har­ren der Krea­tur war­tet dar­auf, dass die Kin­der Got­tes offen­bar wer­den. Die Schöp­fung ist ja unter­wor­fen der Ver­gäng­lich­keit ohne ihren Wil­len, son­dern durch den, der sie unter­wor­fen hat, doch auf Hoff­nung; denn auch die Schöp­fung wird frei wer­den von der Knecht­schaft der Ver­gäng­lich­keit zu der herr­li­chen Frei­heit der Kin­der Got­tes. Denn wir wis­sen, dass die gan­ze Schöp­fung bis zu die­sem Augen­blick mit uns seufzt und sich ängs­tet.” Die gan­ze Schöp­fung war­tet auf ihre Erlö­sung, und die­se Erlö­sung wird kom­men, wenn Chris­tus wie­der­kommt und alle Din­ge unter sei­ne Herr­schaft bringt.

Die­se Zusam­men­fas­sung aller Din­ge in Chris­tus bedeu­tet, dass er der Mit­tel­punkt und das ver­bin­den­de Ele­ment des gan­zen Uni­ver­sums sein wird. Alle Dis­har­mo­nie, alle Rebel­li­on, alle Zer­ris­sen­heit, die durch die Sün­de in die Welt gekom­men ist, wird besei­tigt wer­den. Him­mel und Erde, die durch den Fall getrennt wur­den, wer­den wie­der ver­eint sein. Die Kluft zwi­schen Gott und Mensch, die durch die Sün­de ent­stand, wird voll­stän­dig über­brückt sein. Chris­tus wird als der unbe­strit­te­ne Herr über alles regie­ren, und alle Geschöp­fe wer­den ihn anbe­ten. Pau­lus beschreibt die­se Zukunft in Phil­ip­per 2,9–11: “Dar­um hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gege­ben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beu­gen sol­len aller derer Knie, die im Him­mel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zun­gen beken­nen sol­len, dass Jesus Chris­tus der Herr ist, zur Ehre Got­tes, des Vaters.”

Für uns als Gläu­bi­ge hat die­se Visi­on prak­ti­sche Bedeu­tung. Zunächst soll­te sie uns mit Hoff­nung erfül­len. Egal wie dun­kel die Zei­ten sind, egal wie hoff­nungs­los die Situa­ti­on aus­sieht, wir wis­sen, dass Gott einen Plan hat und dass die­ser Plan sich erfül­len wird. Die Geschich­te bewegt sich nicht ziel­los vor­wärts oder im Kreis, son­dern sie hat ein Ziel, eine Bestim­mung, ein Ende, das Gott bereits fest­ge­legt hat. Die­se Gewiss­heit kann uns Kraft geben, in schwie­ri­gen Zei­ten durch­zu­hal­ten und nicht auf­zu­ge­ben. Zwei­tens soll­te die­se Visi­on unse­re Per­spek­ti­ve auf die Gegen­wart ver­än­dern. Wenn wir wis­sen, dass Chris­tus am Ende über alles herr­schen wird, dann soll­ten wir schon jetzt begin­nen, unter sei­ner Herr­schaft zu leben. Unser Leben soll­te ein Vor­ge­schmack auf das kom­men­de Reich sein, ein Zei­chen dafür, wie es sein wird, wenn Chris­tus regiert. Der Theo­lo­ge und Mär­ty­rer Diet­rich Bon­hoef­fer schrieb: “Die Kir­che ist nur Kir­che, wenn sie für ande­re da ist.” Die­se Wor­te erin­nern uns dar­an, dass wir nicht nur auf unse­re eige­ne Erlö­sung fokus­siert sein soll­ten, son­dern dass wir beru­fen sind, Werk­zeu­ge in Got­tes Hand zu sein, um sei­ne Erlö­sung in die Welt zu brin­gen.

Drit­tens soll­te die­se Leh­re von der Erlö­sung durch das Blut Chris­ti uns zu einem Leben in Dank­bar­keit füh­ren. Wenn wir wirk­lich ver­ste­hen, was es Gott gekos­tet hat, uns zu erlö­sen, kön­nen wir nicht anders als in Anbe­tung und Dank­bar­keit zu leben. Unse­re Erlö­sung war nicht bil­lig oder ein­fach, sie wur­de mit dem kost­bars­ten Preis erkauft, den es gibt: dem Leben des Soh­nes Got­tes. Der Apos­tel Petrus schreibt in 1. Petrus 1,18–19: “Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit ver­gäng­li­chem Sil­ber oder Gold erlöst seid von eurem nich­ti­gen Wan­del nach der Väter Wei­se, son­dern mit dem teu­ren Blut Chris­ti als eines unschul­di­gen und unbe­fleck­ten Lam­mes.” Die­se Erkennt­nis soll­te uns moti­vie­ren, nicht mehr für uns selbst zu leben, son­dern für den, der für uns gestor­ben und auf­er­stan­den ist.

Vier­tens soll­ten wir die Ver­ge­bung, die wir emp­fan­gen haben, an ande­re wei­ter­ge­ben. Jesus lehr­te sei­ne Jün­ger zu beten: “Und ver­gib uns unse­re Schuld, wie auch wir ver­ge­ben unsern Schul­di­gern” (Mat­thä­us 6,12). Die Ver­ge­bung, die wir von Gott emp­fan­gen haben, ver­pflich­tet uns nicht im recht­li­chen Sin­ne, aber sie moti­viert uns und befä­higt uns, auch ande­ren zu ver­ge­ben. Wenn wir ver­ste­hen, wie viel uns ver­ge­ben wur­de, wird es uns leich­ter fal­len, auch denen zu ver­ge­ben, die uns Unrecht getan haben. Man­geln­de Ver­ge­bungs­be­reit­schaft ist oft ein Zei­chen dafür, dass wir die Tie­fe unse­rer eige­nen Erlö­sungs­be­dürf­tig­keit und die Grö­ße der Gna­de, die uns geschenkt wur­de, noch nicht wirk­lich erfasst haben.

Das sehen wir heu­te bei vie­len Chris­ten: eine erschre­cken­de man­geln­de Bereit­schaft zur Ver­ge­bung und zur Ver­söh­nung. Man hält fest, was man längst hät­te los­las­sen kön­nen. Man trägt alte Ver­let­zun­gen wie Aus­zeich­nun­gen mit sich her­um. Man recht­fer­tigt Bit­ter­keit, als wäre sie ein Zei­chen geist­li­cher Stär­ke. Doch all das zeigt, dass vie­le das Geschenk der Gna­de noch nicht wirk­lich begrif­fen haben. Wer nicht erkennt, wie unend­lich viel ihm selbst ver­ge­ben wur­de, dem fällt es schwer, ande­ren zu ver­ge­ben. Unver­söhn­lich­keit ist oft ein Hin­weis dar­auf, dass das Evan­ge­li­um zwar gehört, aber noch nicht tief ins Herz gesun­ken ist. Erst wenn wir die Grö­ße der eige­nen Ver­ge­bung erfas­sen, wird unser Herz weich; und wir begin­nen, ande­ren das wei­ter­zu­ge­ben, was wir selbst emp­fan­gen haben.

Fünf­tens soll­te uns die Weis­heit und Klug­heit, mit der Gott sei­ne Gna­de wal­ten lässt, Ver­trau­en geben, auch wenn wir sei­ne Wege nicht immer ver­ste­hen. Es gibt Zei­ten in unse­rem Leben, in denen Got­tes Han­deln uns rät­sel­haft erscheint, in denen wir nicht begrei­fen, war­um er bestimm­te Din­ge zulässt oder war­um er nicht auf die Wei­se ein­greift, wie wir es erwar­ten wür­den. In sol­chen Momen­ten dür­fen wir dar­auf ver­trau­en, dass Gott in sei­ner unend­li­chen Weis­heit weiß, was er tut, auch wenn wir es nicht sehen kön­nen. Der Pro­phet Jesa­ja ver­kün­de­te in Kapi­tel 55,8–9: “Denn mei­ne Gedan­ken sind nicht eure Gedan­ken, und eure Wege sind nicht mei­ne Wege, spricht der HERR, son­dern so viel der Him­mel höher ist als die Erde, so sind auch mei­ne Wege höher als eure Wege und mei­ne Gedan­ken als eure Gedan­ken.”

Sechs­tens soll­te die Offen­ba­rung des Geheim­nis­ses von Got­tes Wil­len uns zu einem Leben in der Wahr­heit füh­ren. Gott hat uns nicht im Unkla­ren gelas­sen über sei­nen Plan, son­dern er hat ihn uns offen­bart. Wir haben in der Bibel eine ver­läss­li­che Quel­le der Wahr­heit, die uns Got­tes Gedan­ken und Absich­ten mit­teilt. In einer Zeit, in der Wahr­heit oft als rela­tiv betrach­tet wird und jeder sei­ne eige­ne Wahr­heit zu haben scheint, ist es wich­tig, dass wir fest auf dem Fun­da­ment der gött­li­chen Offen­ba­rung ste­hen. Jesus sag­te in Johan­nes 8,31–32: “Wenn ihr blei­ben wer­det an mei­nem Wort, so seid ihr wahr­haf­tig mei­ne Jün­ger und wer­det die Wahr­heit erken­nen, und die Wahr­heit wird euch frei machen.”

Sieb­tens soll­te die kos­mi­sche Visi­on der Zusam­men­fas­sung aller Din­ge in Chris­tus unse­ren Blick wei­ten und uns aus unse­rer Selbst­be­zo­gen­heit her­aus­füh­ren. Es geht nicht nur um mei­ne per­sön­li­che Erlö­sung oder mein per­sön­li­ches Wohl­erge­hen, son­dern um Got­tes gro­ßen Plan für die gesam­te Schöp­fung. Die­se Per­spek­ti­ve soll­te uns demü­tig machen, weil wir erken­nen, dass wir nur ein klei­ner Teil eines viel grö­ße­ren Gan­zen sind. Gleich­zei­tig soll­te sie uns auch ermu­ti­gen, weil wir wis­sen, dass wir zu die­sem groß­ar­ti­gen Plan gehö­ren und eine Rol­le dar­in spie­len dür­fen. Jeder Gläu­bi­ge, egal wie unbe­deu­tend er sich vor­kom­men mag, ist ein wich­ti­ger Teil von Got­tes Werk in die­ser Welt.

Die Erlö­sung, von der Pau­lus in die­sen Ver­sen spricht, ist nicht nur eine zukünf­ti­ge Hoff­nung, son­dern eine gegen­wär­ti­ge Rea­li­tät. Wir haben die Erlö­sung bereits, sie gehört uns, wir leben in ihr. Das bedeu­tet nicht, dass alles schon voll­endet ist oder dass wir kei­ne Pro­ble­me mehr hät­ten, aber es bedeu­tet, dass wir befreit sind von der Macht der Sün­de und des Todes. Wir sind nicht mehr Gefan­ge­ne, son­dern freie Kin­der Got­tes. Die­se Frei­heit soll­te sich in unse­rem täg­li­chen Leben zei­gen. Wir soll­ten nicht mehr von Sün­de beherrscht wer­den, auch wenn wir noch mit ihr kämp­fen. Wir soll­ten nicht mehr von Angst getrie­ben wer­den, weil wir wis­sen, dass Gott für uns ist. Wir soll­ten nicht mehr von Schuld nie­der­ge­drückt wer­den, weil wir Ver­ge­bung emp­fan­gen haben.

Die Fül­le der Zei­ten, von der Pau­lus spricht, ist der Zeit­punkt, den Gott fest­ge­legt hat, um sei­nen Plan zu voll­enden. Wir wis­sen nicht genau, wann die­ser Zeit­punkt kom­men wird, aber wir wis­sen, dass er kom­men wird. Jesus warn­te sei­ne Jün­ger davor, Spe­ku­la­tio­nen über den genau­en Zeit­punkt anzu­stel­len, aber er ermu­tig­te sie, wach­sam zu sein und bereit zu leben. In Mat­thä­us 24,42–44 sagt er: “Dar­um wachet; denn ihr wisst nicht, an wel­chem Tag euer Herr kommt. Das sollt ihr aber wis­sen: Wenn ein Haus­va­ter wüss­te, zu wel­cher Stun­de in der Nacht der Dieb kommt, so wür­de er ja wachen und nicht in sein Haus ein­bre­chen las­sen. Dar­um seid auch ihr bereit! Denn der Men­schen­sohn kommt zu einer Stun­de, da ihr’s nicht meint.” Die­se Bereit­schaft ist nicht eine ner­vö­se Angst vor dem Gericht, son­dern eine freu­di­ge Erwar­tung der Voll­endung unse­rer Erlö­sung.

Wenn wir die­se Ver­se aus Ephe­ser 1,7–10 zusam­men­fas­sen, sehen wir ein groß­ar­ti­ges Pan­ora­ma von Got­tes Gna­de und sei­nem ewi­gen Plan. Wir sind erlöst durch das Blut Chris­ti, unse­re Sün­den sind ver­ge­ben nach dem Reich­tum sei­ner Gna­de, und wir sind ein­be­zo­gen in einen kos­mi­schen Plan, der die gesam­te Schöp­fung umfasst und in der Zusam­men­fas­sung aller Din­ge unter der Herr­schaft Chris­ti gip­felt. Die­se Wahr­hei­ten soll­ten unser Leben prä­gen, unse­re Per­spek­ti­ve for­men und uns zu einem Leben in Dank­bar­keit, Hei­lig­keit und Hoff­nung füh­ren. Mögen wir nie­mals ver­ges­sen, welch gro­ßes Heil uns geschenkt wur­de, und mögen wir täg­lich in der Freu­de und Frei­heit die­ser Erlö­sung leben.

Bern­hard Beck, der Luthe­ra­ner