Die Kirche befind­et sich heute in ein­er Sit­u­a­tion, die viele als Zer­reißprobe empfind­en. Auf der einen Seite ste­ht die Last von 2000 Jahren Geschichte, Tra­di­tion und bewährten Struk­turen, die über Gen­er­a­tio­nen hin­weg Ori­en­tierung gegeben haben. Auf der anderen Seite ste­ht eine Welt, die sich so ras­ant verän­dert wie nie zuvor, in der alte Gewis­sheit­en ver­schwinden und neue Fra­gen auf­tauchen, auf die die alten Antworten nicht mehr zu passen scheinen. In dieser Span­nung ste­hen viele Gemein­den, Kirchen­leitun­gen und einzelne Gläu­bige und fra­gen sich: Wie viel dür­fen wir verän­dern, ohne unsere Iden­tität zu ver­lieren? Wie viel müssen wir bewahren, ohne starr und welt­fremd zu wer­den? Die einen war­nen vor einem Ausverkauf des Glaubens und sehen in jed­er Verän­derung einen Ver­rat an der Wahrheit. Die anderen war­nen vor einem Rück­zug in die Ver­gan­gen­heit und sehen in jedem Fes­thal­ten an Altem eine Ver­weigerung gegenüber der Gegen­wart. Bei­de Posi­tio­nen haben ihre Berech­ti­gung, und doch führt keine von bei­den allein zu ein­er Lösung. Die Her­aus­forderung beste­ht darin, einen Weg zu find­en, der bei­des würdigt: die Schätze der Tra­di­tion und die Notwendigkeit, in der heuti­gen Zeit ver­ständlich und rel­e­vant zu sein.

Die Tra­di­tion der Kirche ist ein kost­bares Erbe, das wir nicht leicht­fer­tig über Bord wer­fen dür­fen. Sie verbindet uns mit den Gen­er­a­tio­nen vor uns, mit den Heili­gen und Mär­tyr­ern, mit den großen Denkern und ein­fachen Gläu­bi­gen, die ihren Weg mit Gott gegan­gen sind. In der Tra­di­tion find­en wir die Glaubens­beken­nt­nisse, die über Jahrhun­derte hin­weg den Kern des christlichen Glaubens zusam­menge­fasst haben. Wir find­en die Liturgie, die uns hil­ft, in unseren Gottes­di­en­sten eine Form zu find­en, die nicht von unseren momen­ta­nen Stim­mungen abhängt. Wir find­en die bib­lis­che Ausle­gung, die uns zeigt, wie ver­schiedene Gen­er­a­tio­nen die Heilige Schrift ver­standen und gelebt haben. Wir find­en Lieder und Gebete, die Mil­lio­nen von Men­schen Trost gespendet haben. All das ist nicht ein­fach nur alt, son­dern bewährt. Es hat sich über lange Zeiträume als tragfähig erwiesen. Der Apos­tel Paulus ermah­nt die Gemeinde in Thes­sa­lonich: “So ste­ht nun fest, liebe Brüder, und hal­tet euch an die Über­liefer­un­gen, die ihr gelehrt wor­den seid, es sei durch Wort oder Brief von uns” (2. Thes­sa­lonich­er 2,15). Diese Beto­nung der Über­liefer­ung zeigt, dass schon die frühen Chris­ten wussten, wie wichtig es ist, das weit­erzugeben, was emp­fan­gen wurde.

Gle­ichzeit­ig dür­fen wir nicht überse­hen, dass die Tra­di­tion selb­st nie sta­tisch war. Was wir heute als alte Tra­di­tion erleben, war ein­mal neu und umstrit­ten. Die großen Glaubens­beken­nt­nisse des 4. und 5. Jahrhun­derts ent­standen in hefti­gen Auseinan­der­set­zun­gen, in denen um das richtige Ver­ständ­nis von Jesus Chris­tus gerun­gen wurde. Die Liturgie, die wir heute als ehrwürdig empfind­en, hat sich über die Jahrhun­derte immer wieder verän­dert und an neue Umstände angepasst. Mar­tin Luther brach mit Tra­di­tio­nen, die bis dahin als unver­rück­bar gal­ten, und schuf neue For­men des Gottes­di­en­stes, der The­olo­gie und des Gemein­delebens. Was er tat, wurde von vie­len als Ver­rat emp­fun­den, und doch sehen wir heute, dass seine Erneuerung notwendig war, um den Kern des Evan­geli­ums wieder freizule­gen. Das zeigt, dass Tra­di­tion und Erneuerung keine Gegen­sätze sein müssen, son­dern dass echte Tra­di­tion immer auch die Fähigkeit zur Erneuerung in sich trägt. Der katholis­che The­ologe Yves Con­gar sagte ein­mal: “Tra­di­tion ist nicht die Anbe­tung der Asche, son­dern die Weit­er­gabe des Feuers.” Dieses Bild bringt es auf den Punkt: Es geht nicht darum, an alten For­men festzuhal­ten, son­dern darum, den lebendi­gen Geist weit­erzugeben, der in diesen For­men ein­mal bran­nte.

Der Zeit­geist hinge­gen ist etwas, das viele Chris­ten mit Mis­strauen betra­cht­en, und das nicht ohne Grund. Der Begriff beze­ich­net die vorherrschen­den Denkmuster, Werte und Überzeu­gun­gen ein­er bes­timmten Zeit. Der Zeit­geist ist schnel­llebig, oft ober­fläch­lich, manch­mal modisch und vergänglich. Was heute als mod­ern gilt, kann mor­gen schon wieder ver­al­tet sein. Viele Trends, die durch die Gesellschaft ziehen, sind nicht wirk­lich durch­dacht, son­dern mehr emo­tionale Reak­tio­nen auf aktuelle Ereignisse. Wenn die Kirche sich unkri­tisch dem Zeit­geist anpasst, läuft sie Gefahr, ihre Iden­tität zu ver­lieren und zu ein­er bloßen Spiegelung der jew­eili­gen Gesellschaft zu wer­den. Es gab Zeit­en, in denen die Kirche dem Zeit­geist fol­gte und damit große Schuld auf sich lud. Die Kirche im Drit­ten Reich passte sich weit­ge­hend dem nation­al­sozial­is­tis­chen Denken an, seg­nete Waf­fen und schwieg zum Holo­caust. Die Kirche zur Zeit der Kreuz­züge fol­gte dem kriegerischen Geist ihrer Zeit und recht­fer­tigte Gewalt im Namen Gottes. Die Kirche zur Zeit der Sklaverei recht­fer­tigte die Unter­drück­ung von Men­schen auf­grund ihrer Haut­farbe.

Auch die Kirche im 21. Jahrhun­dert ist nicht davor gefeit, dem Zeit­geist zu fol­gen; nur trägt er heute andere Far­ben. Gender‑Ideologien, radikale Selb­stver­wirk­lichungsmod­elle oder ein moralisch über­höht­es Kli­madenken prä­gen viele gesellschaftliche Debat­ten, und nicht sel­ten übern­immt die Kirche diese Strö­mungen unkri­tisch. Dabei wird das Evan­geli­um zunehmend ver­schwiegen oder abgeschwächt. Jesus wird zu einem moralis­chen Vor­bild reduziert, zu einem Men­schen, der alles duldet, weil „Gott ja Liebe ist“. Die Got­theit Christi, seine Einzi­gar­tigkeit, seine Autorität, seine All­macht, all das tritt in den Hin­ter­grund. Doch eine Kirche, die Chris­tus nur noch als fre­undlichen Mit­men­schen darstellt, ver­liert das Zen­trum ihres Glaubens. Wo Jesus nicht mehr Herr ist, son­dern nur noch ein Sym­bol für Tol­er­anz, ver­liert die Kirche ihre Botschaft und ihre Kraft. All diese Beispiele zeigen, wie gefährlich es ist, wenn die Kirche unkri­tisch dem fol­gt, was ger­ade in der Gesellschaft vorherrscht.

Den­noch ist nicht alles am Zeit­geist schlecht, und nicht jede Verän­derung in der Gesellschaft ist ein Abfall vom Glauben. Es gibt auch pos­i­tive Entwick­lun­gen in unser­er Zeit, die wir als Chris­ten begrüßen soll­ten. Das gewach­sene Bewusst­sein für Men­schen­rechte, die Gle­ich­berech­ti­gung von Frauen und Män­nern, die Sen­si­bil­ität für Ungerechtigkeit und Diskri­m­inierung, die Sorge um die Schöp­fung, die Ablehnung von Gewalt und Krieg sind alles Werte, die dem Geist des Evan­geli­ums entsprechen. Wenn die Gesellschaft in diesen Bere­ichen Fortschritte macht, dann sollte die Kirche nicht hin­ter­her­hinken, son­dern vor­ange­hen oder zumin­d­est mit­ge­hen. Jesus selb­st war in sein­er Zeit ein Erneuer­er, der viele Tra­di­tio­nen in Frage stellte. Er heilte am Sab­bat, was gegen die religiösen Vorschriften ver­stieß. Er sprach mit Frauen in der Öffentlichkeit, was als unschick­lich galt.

Um Missver­ständ­nisse auszuräu­men: Jesus war kein Reformer im Sinne eines Men­schen, der beste­hende Sys­teme verbessern oder mod­ernisieren wollte. Er stellte keine Tra­di­tio­nen in Frage, um sie zu erset­zen, son­dern um ihren eigentlichen Sinn wieder sicht­bar zu machen. Er brachte nicht eine neue Reli­gion, son­dern offen­barte die ursprüngliche Wahrheit Gottes, die durch men­schliche Regeln und Gewohn­heit­en verdeckt wor­den war. Wenn Jesus Gren­zen über­schritt, dann nicht, um gesellschaftliche Verän­derun­gen anzus­toßen, son­dern um den Willen des Vaters klar­er zu zeigen. Er führte nicht Refor­men durch; er brachte die Erfül­lung. Er aß mit Zöll­nern und Sün­dern, was die From­men empörte. Er stellte die Rein­heits­ge­bote in Frage und sagte: “Es gibt nichts, was von außen in den Men­schen hineinge­ht, das ihn unrein machen kön­nte; son­dern was aus dem Men­schen her­auskommt, das ist’s, was den Men­schen unrein macht” (Markus 7,15).

Die entschei­dende Frage ist also nicht, ob wir uns verän­dern oder ob wir bewahren, son­dern woran wir uns bei dieser Entschei­dung ori­en­tieren. Der Maßstab kann wed­er die bloße Tra­di­tion noch der bloße Zeit­geist sein, son­dern muss das Evan­geli­um selb­st sein. Wir müssen immer wieder neu fra­gen: Was ist der Kern unseres Glaubens? Was ist wesentlich und was ist zeitbe­d­ingt? Was gehört zum unverzicht­baren Bestand und was ist kul­turelle Ein­klei­dung? Diese Unter­schei­dung ist nicht immer ein­fach, und es gibt oft keine klaren Antworten. Aber die Frage muss gestellt wer­den. Doch diese Fra­gen lassen sich nur beant­worten, wenn wir bere­it sind, uns selb­st immer wieder dem Licht des Evan­geli­ums auszuset­zen. Unter­schei­dung geschieht nicht im luftleeren Raum, son­dern im Gebet, im Hören auf Gottes Wort und im ehrlichen Rin­gen miteinan­der. Es braucht Mut, liebge­wonnene Tra­di­tio­nen zu hin­ter­fra­gen und eben­so Mut, sich gegen den Druck des Zeit­geistes zu stellen. Es braucht Demut, eigene Irrtümer einzugeste­hen und zugle­ich Fes­tigkeit, wenn es um das unverzicht­bare Zen­trum des Glaubens geht. Diese geistliche Bal­ance entste­ht nicht automa­tisch; sie ist ein Weg, den wir gemein­sam gehen, im Ver­trauen darauf, dass der Heilige Geist uns führt und bewahrt.

Ein konkretes Beispiel für diese Span­nung ist die Frage nach der Rolle der Frau in der Kirche. Die Tra­di­tion viel­er Kirchen hat Frauen von Leitungsämtern aus­geschlossen, gestützt auf bib­lis­che Texte wie “Eine Frau soll in der Stille ler­nen, in aller Unterord­nung. Ein­er Frau ges­tat­te ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, son­dern sie sei still” (1. Tim­o­theus 2,11 bis 12). Diese Texte wur­den über Jahrhun­derte als göt­tliche Anord­nung ver­standen. Heute stellen viele Chris­ten diese Ausle­gung in Frage und weisen darauf hin, dass Paulus selb­st mit Frauen zusam­mengear­beit­et hat, dass er Frauen als Mitar­bei­t­erin­nen würdigt, dass im Römer­brief eine Frau namens Junia als Apos­telin beze­ich­net wird (Römer 16,7). Sie argu­men­tieren, dass die ein­schränk­enden Aus­sagen des Paulus zeitbe­d­ingt waren und sich auf konkrete Sit­u­a­tio­nen in bes­timmten Gemein­den bezo­gen, nicht aber eine all­ge­me­ingültige Ord­nung darstellen. Andere Chris­ten hal­ten dage­gen, dass die bib­lis­chen Anweisun­gen klar sind und dass wir nicht nach unserem Gut­dünken entschei­den kön­nen, was gilt und was nicht. Dieser Kon­flikt zeigt die Schwierigkeit der Unter­schei­dung zwis­chen Tra­di­tion und Zeit­geist. Wer hier für eine Öff­nung plädiert, wird von den einen als zeit­geistab­hängig kri­tisiert, von den anderen als fortschrit­tlich gelobt. Wer hier an der Tra­di­tion fes­thält, wird von den einen als bibel­treu gelobt, von den anderen als rück­ständig kri­tisiert.

Ein weit­eres Beispiel ist die Frage nach dem Umgang mit gle­ichgeschlechtlichen Beziehun­gen. Auch hier ste­hen sich Posi­tio­nen gegenüber, die bei­de mit gutem Grund ihre Posi­tion aus der Bibel ableit­en. Die einen ver­weisen auf die klaren Aus­sagen im Alten Tes­ta­ment und bei Paulus, die gle­ichgeschlechtliche Hand­lun­gen verurteilen. Die anderen weisen darauf hin, dass die bib­lis­chen Autoren von dauer­haften, liebevollen Part­ner­schaften zwis­chen gle­ichgeschlechtlichen Men­schen nichts wussten, son­dern nur von bes­timmten For­men von Miss­brauch und Tem­pel­pros­ti­tu­tion, und dass wir deshalb die bib­lis­chen Aus­sagen nicht ein­fach auf heutige Part­ner­schaften über­tra­gen kön­nen. Sie beto­nen, dass das zen­trale Gebot der Liebe und die Würde jedes Men­schen höher ste­hen als einzelne Ver­bote. Auch hier ist keine ein­fache Lösung in Sicht, und die Kirchen sind tief ges­pal­ten in dieser Frage. Was jedoch klar ist: Wir kön­nen diese Fra­gen nicht umge­hen, indem wir ein­fach sagen, die Bibel sei ein­deutig, denn die Bibel wird von ver­schiede­nen Men­schen unter­schiedlich gele­sen und ver­standen.

Die Span­nung zwis­chen Tra­di­tion und Zeit­geist zeigt sich auch in der Form der Gottes­di­en­ste. Viele Men­schen, beson­ders jün­gere, find­en die tra­di­tionellen litur­gis­chen Gottes­di­en­ste fremd und unver­ständlich. Sie ver­ste­hen die altertüm­liche Sprache nicht, kön­nen mit den sym­bol­is­chen Hand­lun­gen nichts anfan­gen, fühlen sich durch die Steifheit und Förm­lichkeit eher abgestoßen als ange­zo­gen. Für sie sind mod­erne Gottes­di­en­st­for­men mit zeit­gemäßer Musik, ver­ständlich­er Sprache und lock­er­er Atmo­sphäre hil­fre­ich­er. Andere Men­schen hinge­gen schätzen ger­ade die Liturgie, die Würde der alten For­men, die poet­is­che Sprache der alten Gebete, die Ehrfurcht, die durch die Form aus­ge­drückt wird. Für sie ist ein mod­ern­er Gottes­di­enst oft zu ober­fläch­lich, zu laut, zu sehr auf Unter­hal­tung aus­gerichtet. Auch hier gibt es kein Entwed­er oder, son­dern die Notwendigkeit, ver­schiedene For­men nebeneinan­der zu ermöglichen. Das set­zt aber voraus, dass bei­de Seit­en einan­der respek­tieren und nicht die jew­eils andere Form als falsch oder min­der­w­er­tig abtun.

Ein wichtiger Aspekt in dieser Diskus­sion ist die Frage nach der Wahrheit. Viele, die vor ein­er Anpas­sung an den Zeit­geist war­nen, tun dies aus der Überzeu­gung, dass es eine objek­tive Wahrheit gibt, die nicht von Zeit und Kul­tur abhängt, und dass die Kirche diese Wahrheit bewahren und verkün­den muss. Sie fürcht­en, dass eine zu große Anpas­sung dazu führt, dass diese Wahrheit ver­wässert oder sog­ar aufgegeben wird. Diese Sorge ist berechtigt. Wenn die Kirche nur noch nach­betet, was ohne­hin alle sagen, wenn sie nur noch die Werte ver­tritt, die gesellschaftlich akzep­tiert sind, wenn sie nichts mehr zu sagen hat, was auch unbe­quem sein kön­nte, dann hat sie ihre prophetis­che Auf­gabe ver­loren. Jesus sagte zu seinen Jüngern: “Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, wom­it soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüt­tet und lässt es von den Leuten zertreten” (Matthäus 5,13). Die Kirche muss etwas Eigenes, Unter­schei­den­des haben, son­st ist sie über­flüs­sig.

Gle­ichzeit­ig müssen wir aber auch anerken­nen, dass unsere Erken­nt­nis der Wahrheit immer begren­zt und vor­läu­fig ist. Paulus schreibt: “Wir sehen jet­zt durch einen Spiegel ein dun­kles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jet­zt erkenne ich stück­weise; dann aber werde ich erken­nen, wie ich erkan­nt bin” (1. Korinther 13,12). Diese Demut vor der Begren­ztheit unser­er Erken­nt­nis bewahrt uns vor Fanatismus und vor der Vorstel­lung, wir hät­ten die Wahrheit voll­ständig in der Tasche. Sie öffnet uns für die Möglichkeit, dass auch andere etwas von der Wahrheit erkan­nt haben, dass wir voneinan­der ler­nen kön­nen, dass unsere Tra­di­tion ergänzt und kor­rigiert wer­den muss durch neue Ein­sicht­en. Der anglikanis­che The­ologe John Hen­ry New­man prägte den Begriff der Entwick­lung der Lehre und zeigte, wie die Kirche im Laufe der Zeit ihr Ver­ständ­nis des Glaubens ver­tieft und ent­fal­tet hat, ohne dabei den Kern zu ver­lieren. Diese Vorstel­lung ein­er organ­is­chen Entwick­lung hil­ft uns, Verän­derung nicht als Bedro­hung, son­dern als Wach­s­tum zu sehen.

Mod­erne, Bibel und Tra­di­tion müssen sich nicht wider­sprechen, solange sie im Ein­klang mit dem Evan­geli­um ver­bun­den bleiben. Entschei­dend ist, dass wir nicht zuerst nach unseren eige­nen Vorstel­lun­gen fra­gen, son­dern nach dem Willen Gottes. Die Mod­erne kann wertvolle Impulse geben, Tra­di­tion kann uns bewahren, und die Bibel bleibt der Maßstab, an dem alles geprüft wird. Wenn diese drei in der richti­gen Ord­nung ste­hen, entste­ht kein Kon­flikt, son­dern ein frucht­bares Zusam­men­spiel: Die Bibel gibt Ori­en­tierung, die Tra­di­tion gibt Tiefe, und die Mod­erne hil­ft uns, das Evan­geli­um in die Sprache und Lebenswelt unser­er Zeit zu über­set­zen. Gefährlich wird es erst, wenn wir die Rei­hen­folge umkehren und die Bibel an die Mod­erne anpassen oder Tra­di­tion über das Evan­geli­um stellen. Wo aber Chris­tus der Maßstab bleibt, kön­nen wir mutig wach­sen, ohne den Kern zu ver­lieren.

Ein prak­tis­ch­er Weg, mit der Span­nung zwis­chen Tra­di­tion und Zeit­geist umzuge­hen, ist das Prinzip der Unter­schei­dung der Geis­ter. Dieses Prinzip geht auf Ignatius von Loy­ola zurück und meint die Fähigkeit, zu prüfen, welche Gedanken, Impulse und Entwick­lun­gen von Gott kom­men und welche nicht. Diese Prü­fung geschieht nicht durch ein­fache Regeln, son­dern durch eine Hal­tung der inneren Aufmerk­samkeit, durch Gebet, durch das Hören auf die Schrift, durch den Aus­tausch in der Gemein­schaft. Ignatius unter­schied zwis­chen dem guten Geist, der zu Frieden, Freude, Mut und Liebe führt, und dem bösen Geist, der zu Unruhe, Angst, Ent­mu­ti­gung und Spal­tung führt. Wenn wir dieses Prinzip auf die Frage nach Tra­di­tion und Zeit­geist anwen­den, kön­nen wir fra­gen: Welche Entwick­lun­gen führen zu mehr Liebe, mehr Gerechtigkeit, mehr Frieden? Welche führen zu Spal­tung, Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit? Das ist kein automa­tis­ches Kri­teri­um, aber es hil­ft bei der Ori­en­tierung.

Ein weit­eres Kri­teri­um ist die Frage nach der Ein­heit. Paulus schreibt im Eph­eser­brief: “Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu ein­er Hoff­nung eur­er Beru­fung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen” (Eph­eser 4,3–6). Die Ein­heit der Kirche ist ein hohes Gut, und wir soll­ten nicht leicht­fer­tig Spal­tun­gen her­beiführen. Das bedeutet nicht, dass wir alle der­sel­ben Mei­n­ung sein müssen, aber es bedeutet, dass wir uns bemühen soll­ten, in der Ver­schieden­heit ver­bun­den zu bleiben. Wenn eine Verän­derung die Gemein­schaft zer­stört, müssen wir sehr genau prüfen, ob sie wirk­lich notwendig ist. Wenn umgekehrt das Fes­thal­ten an ein­er Tra­di­tion Men­schen auss­chließt, die zu Chris­tus gehören wollen, müssen wir prüfen, ob diese Tra­di­tion wirk­lich wesentlich ist. Das Konzil von Jerusalem in der Apos­telgeschichte ist ein gutes Beispiel für diese Art der Unter­schei­dung. Dort wurde gerun­gen um die Frage, ob die nichtjüdis­chen Chris­ten das jüdis­che Gesetz hal­ten müssen. Die Entschei­dung war, dass nur wenige grundle­gende Dinge ver­langt wer­den soll­ten, um die Ein­heit zu bewahren (Apos­telgeschichte 15).

Die Rolle der Kirchen­leitung in diesem Prozess ist wichtig, aber auch schwierig. Auf der einen Seite braucht es Men­schen, die Ver­ant­wor­tung übernehmen und Entschei­dun­gen tre­f­fen, die nicht allen gefall­en, die aber notwendig sind. Auf der anderen Seite dür­fen diese Entschei­dun­gen nicht von oben herab verord­net wer­den, ohne die Gemein­den einzubeziehen. Die frühe Kirche kan­nte das Prinzip der Syn­odal­ität, des gemein­samen Gehens und Entschei­dens. Wichtige Fra­gen wur­den in Ver­samm­lun­gen besprochen, in denen Bis­chöfe, Priester und manch­mal auch Laien gemein­sam nach Lösun­gen sucht­en. Dieses Prinzip ist heute wieder aktuell. Papst Franziskus hat die Syn­odal­ität als zen­trales Prinzip für die katholis­che Kirche wieder betont. Aber auch in evan­ge­lis­chen Kirchen gibt es die Tra­di­tion der Syn­oden, in denen Entschei­dun­gen gemein­sam getrof­fen wer­den. Diese For­men der gemein­samen Entschei­dungs­find­ung sind müh­sam und manch­mal frus­tri­erend, aber sie sind notwendig, um zu Lösun­gen zu kom­men, die von der Gemein­schaft getra­gen wer­den.

Trotz aller berechtigten Kri­tik an syn­odalen oder gemein­schaftlichen Entschei­dungs­for­men braucht es in diesen Prozessen vor allem Geduld und Demut. Keine Kirche, keine Leitung und keine Gemeinde kommt ohne diese Tugen­den aus. Entschei­dun­gen, die im Geist Christi getrof­fen wer­den sollen, reifen nicht in Eile. Sie brauchen gemein­sames Hören, gemein­sames Rin­gen, gemein­samen Gottes­di­enst, und vor allem Gebet. Ohne den Heili­gen Geist bleibt jede Struk­tur leer, jede Debat­te kraft­los und jede Reform ober­fläch­lich. Erst wenn wir uns gemein­sam unter Gottes Wort stellen und uns von seinem Geist leit­en lassen, kön­nen Entschei­dun­gen entste­hen, die nicht nur organ­isatorisch sin­nvoll, son­dern geistlich tragfähig sind. Ein wichtiger Punkt ist auch die Geduld. Verän­derun­gen in der Kirche brauchen Zeit. Was ein­er Gen­er­a­tion zu schnell geht, geht der anderen zu langsam. Es braucht die Bere­itschaft, aufeinan­der zu warten, einan­der zuzuhören, auch wenn man selb­st schon längst weit­er ist oder wenn man meint, dass die anderen zu weit gehen. Der Schrift­steller und The­ologe C.S. Lewis schrieb über die Kirche: “Sie ist nicht eine Herde Schafe, die alle in die gle­iche Rich­tung schauen, son­dern ein Kör­p­er mit vie­len Gliedern, von denen jedes seine eigene Funk­tion hat.”

Diese Sicht auf die Kirche als Leib mit ver­schiede­nen Gliedern, die Paulus im ersten Korinther­brief entwick­elt, hil­ft uns, die Ver­schieden­heit als Reich­tum und nicht als Prob­lem zu sehen. Nicht alle müssen gle­ich sein, aber alle sollen zusam­menge­hören.

Schließlich ist wichtig zu erken­nen, dass die Span­nung zwis­chen Tra­di­tion und Zeit­geist nie ganz aufgelöst wer­den kann und auch nicht muss. Sie gehört zum Leben der Kirche dazu. Jede Gen­er­a­tion muss sich neu dieser Span­nung stellen und ihren eige­nen Weg find­en. Was für unsere Eltern oder Großel­tern die richtige Bal­ance war, ist es vielle­icht für uns nicht mehr, und was für uns richtig ist, wer­den vielle­icht unsere Kinder wieder anders sehen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, son­dern ein Zeichen von Lebendigkeit. Eine Kirche, die sich nicht mehr verän­dert, ist eine tote Kirche. Eine Kirche, die sich zu schnell verän­dert, ver­liert ihre Iden­tität. Der schmale Grat zwis­chen diesen bei­den Extremen ist der Weg, den wir gehen müssen, mit Mut und Vor­sicht zugle­ich, mit Treue zur Tra­di­tion und Offen­heit für das Neue, immer im Hören auf das Evan­geli­um und im Ver­trauen darauf, dass Gottes Geist uns leit­et. Jesus ver­sprach seinen Jüngern: “Wenn aber jen­er, der Geist der Wahrheit, kom­men wird, wird er euch in alle Wahrheit leit­en” (Johannes 16,13). Auf dieses Ver­sprechen dür­fen wir ver­trauen, auch und ger­ade in den Zeit­en der Unsicher­heit und des Rin­gens um den richti­gen Weg.

Bern­hard Beck, der Luther­an­er

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