Die Vorstel­lung, anderen Men­schen vom eige­nen Glauben zu erzählen, löst bei vie­len Chris­ten heute gemis­chte Gefüh­le aus. Auf der einen Seite ste­ht der Auf­trag Jesu, der seinen Jüngern sagte: “Gehet hin in alle Welt und predigt das Evan­geli­um aller Krea­tur” (Markus 16,15). Auf der anderen Seite verbinden wir mit dem Wort Mis­sion oft unan­genehme Bilder: auf­dringliche Haustürbe­suche, moralis­che Über­he­blichkeit, his­torisches Unrecht im Namen der Chris­tian­isierung oder aggres­sive Bekehrungsver­suche, die mehr abstoßen als anziehen. Viele Chris­ten schweigen deshalb lieber ganz über ihren Glauben, aus Angst, andere zu bedrän­gen oder für fanatisch gehal­ten zu wer­den. Doch dieses Schweigen führt zu ein­er inneren Span­nung, denn der Glaube ist etwas, das im Herzen bren­nt und eigentlich nach außen drängt. Die Frage ist also nicht, ob wir von unserem Glauben erzählen sollen, son­dern wie wir das auf eine Weise tun kön­nen, die wed­er uns selb­st noch anderen schadet, die authen­tisch ist und die dem Geist Jesu entspricht.

Der Begriff Mis­sion selb­st ist in den let­zten Jahrzehn­ten in Ver­ruf ger­at­en, und das nicht ohne Grund. Zu oft wurde Mis­sion in der Geschichte mit Gewalt, kul­tureller Unter­drück­ung und Arro­ganz ver­bun­den. Mis­sion­are zogen in ferne Län­der und ver­sucht­en, nicht nur den Glauben zu ver­bre­it­en, son­dern auch die eigene Kul­tur als über­legen darzustellen. Indi­gene Völk­er wur­den ihrer Tra­di­tio­nen beraubt, ihre Sprachen ver­boten, ihre Iden­tität zer­stört, alles im Namen Gottes. Diese dun­klen Kapi­tel der Kirchengeschichte kön­nen wir nicht ungeschehen machen, und wir müssen sie als Teil unser­er Ver­ant­wor­tung anerken­nen. Gle­ichzeit­ig dür­fen wir nicht vergessen, dass es auch viele Mis­sion­are gab, die mit echter Liebe und Hingabe den Men­schen dien­ten, die Schulen und Kranken­häuser baut­en, Sprachen doku­men­tierten und bewahrten, und die das Evan­geli­um als eine Botschaft der Befreiung und nicht der Unter­drück­ung ver­standen. Der große Mis­sion­ar Paulus etwa reiste durch das römis­che Reich, nicht um Men­schen zu unter­w­er­fen, son­dern um ihnen die Frei­heit in Chris­tus zu verkün­den: “Zur Frei­heit hat uns Chris­tus befre­it” (Galater 5,1).

Mis­sion heute muss sich von den Fehlern der Ver­gan­gen­heit klar abgren­zen und einen neuen Weg find­en. Dieser Weg begin­nt mit der Erken­nt­nis, dass wir nie­man­den zu etwas zwin­gen kön­nen und auch nicht sollen. Der Glaube ist eine per­sön­liche Entschei­dung, die aus freiem Willen getrof­fen wer­den muss, son­st ist sie nichts wert. Jesus selb­st hat nie­man­den gedrängt, ihm nachzu­fol­gen. Als der reiche Jüngling sich von ihm abwandte, weil er seinen Besitz nicht aufgeben wollte, lief Jesus ihm nicht hin­ter­her und ver­suchte nicht, ihn zu überre­den. Er ließ ihn gehen, trau­rig zwar, aber respek­tvoll (Markus 10,17 bis 22). Diese Hal­tung der Frei­heit ist grundle­gend für eine authen­tis­che Mis­sion. Wir dür­fen ein­laden, Zeug­nis geben, von unseren Erfahrun­gen erzählen, aber wir dür­fen nicht manip­ulieren, unter Druck set­zen oder moralisch erpressen. Der The­ologe Karl Rah­n­er prägte den Begriff der anony­men Chris­ten und meinte damit, dass Gott auch außer­halb der sicht­baren Kirche wirkt und Men­schen zum Heil führen kann. Diese Weite des Denkens bewahrt uns vor religiös­er Enge und vor der Vorstel­lung, wir allein hät­ten die Wahrheit gepachtet.

Lei­der sehen wir auch heute noch, wie manche evan­ge­likalen Chris­ten mit der Bibel in der Hand auf Ver­anstal­tun­gen wie Karneval oder dem CSD auftreten und den Feiern­den mit Satan, Him­mel und Hölle dro­hen, als ließe sich so ein Herz für Chris­tus gewin­nen. Diese Form der Mis­sion­ierung ist wert­los, weil sie lieb­los ist. Sie ver­let­zt, statt zu heilen; sie verurteilt, statt einzu­laden; sie schreckt ab, statt zu öff­nen. So hat Jesus es nie gemeint. Er begeg­nete den Men­schen mit Wahrheit, aber immer in Liebe; nie mit Dro­hge­bär­den, nie mit moralis­chem Druck, nie mit dem Ver­such, jeman­den öffentlich bloßzustellen. Eine Mis­sion, die nicht den Geist Jesu wider­spiegelt, mag laut sein, aber sie trägt keine Frucht.

Die Frage nach der Klarheit ist den­noch berechtigt. Wenn wir so sehr darauf acht­en, nie­man­den zu bedrän­gen, beste­ht die Gefahr, dass wir am Ende gar nichts mehr sagen. Manche Chris­ten sind so vor­sichtig gewor­den, dass sie ihren Glauben kom­plett pri­vatisieren und ihn nur noch im stillen Käm­mer­lein leben. Sie gehen son­ntags in die Kirche, beten zu Hause, lesen vielle­icht die Bibel, aber nach außen hin ist von ihrem Glauben nichts zu sehen und nichts zu hören. Das mag beschei­den wirken, entspricht aber auch nicht dem, was Jesus wollte. Er sagte: “Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht ver­bor­gen sein. Man zün­det auch nicht ein Licht an und set­zt es unter einen Schef­fel, son­dern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind” (Matthäus 5,14 bis 15). Der Glaube soll also sicht­bar sein, er soll leucht­en, aber eben nicht als grelles Schein­wer­fer­licht, das andere blendet, son­dern als warmes Licht, das den Weg erhellt und Ori­en­tierung gibt.

Die Bal­ance zwis­chen Zurück­hal­tung und Klarheit find­en wir, wenn wir ver­ste­hen, dass Mis­sion heute vor allem Beziehung bedeutet. Es geht nicht darum, Fremde auf der Straße anzus­prechen und ihnen unge­fragt Trak­tate in die Hand zu drück­en. Es geht darum, in den Beziehun­gen, die wir ohne­hin haben, in Fam­i­lie, Fre­un­deskreis, am Arbeit­splatz, in der Nach­barschaft, authen­tisch zu leben und offen zu sein für Gespräche über das, was uns trägt. Men­schen sind heute nicht mehr empfänglich für abstrak­te the­ol­o­gis­che Argu­mente oder für autoritäre Wahrheit­sansprüche. Sie sind aber sehr wohl empfänglich für echte Lebens­geschicht­en, für per­sön­liche Erfahrun­gen, für Men­schen, die glaub­würdig leben, was sie glauben. Der franzö­sis­che Schrift­steller Antoine de Saint Exupéry schrieb: “Wenn du ein Schiff bauen willst, dann tromm­le nicht Män­ner zusam­men, um Holz zu beschaf­fen, Auf­gaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, son­dern lehre die Män­ner die Sehn­sucht nach dem weit­en, end­losen Meer.” Über­tra­gen auf den Glauben bedeutet das: Wir müssen nicht mit Argu­menten überzeu­gen, son­dern die Sehn­sucht nach Gott weck­en, indem wir zeigen, wie erfül­lend ein Leben mit Gott sein kann.

Diese Art der Mis­sion set­zt voraus, dass wir selb­st überzeugt sind von dem, was wir leben. Wenn wir nur halb­herzig glauben, wenn unser Glaube mehr Gewohn­heit als Überzeu­gung ist, wenn wir selb­st Zweifel haben, die wir nicht bear­beit­et haben, dann wer­den wir kaum andere ansteck­en kön­nen. Die wichtig­ste Voraus­set­zung für Mis­sion ist also die eigene geistliche Lebendigkeit. Wir müssen selb­st immer wieder die Erfahrung machen, dass der Glaube uns Kraft gibt, dass er uns in schw­eren Zeit­en trägt, dass er uns mit anderen verbindet, dass er unserem Leben Sinn und Rich­tung gibt. Nur wenn wir selb­st von dieser Quelle trinken, kön­nen wir andere darauf hin­weisen, wo diese Quelle zu find­en ist. Der Apos­tel Petrus schreibt: “Seid allezeit bere­it zur Ver­ant­wor­tung vor jed­er­mann, der von euch Rechen­schaft fordert über die Hoff­nung, die in euch ist” (1. Petrus 3,15). Das set­zt voraus, dass diese Hoff­nung in uns sicht­bar ist, dass Men­schen über­haupt fra­gen, woher unsere Zuver­sicht kommt.

Ein wesentlich­er Aspekt der Mis­sion ohne Druck ist das Zuhören. Viele gut gemeinte mis­sion­ar­ische Ver­suche scheit­ern daran, dass die Men­schen mit vorge­fer­tigten Antworten kom­men, ohne erst ein­mal zu hören, was die anderen über­haupt bewegt. Jed­er Men­sch hat seine eigene Geschichte, seine eige­nen Fra­gen, seine eige­nen Ver­let­zun­gen und Sehn­süchte. Wenn wir wirk­lich in Kon­takt kom­men wollen, müssen wir diese Geschicht­en ken­nen­ler­nen. Wir müssen fra­gen: Was beschäftigt dich? Was macht dir Angst? Wonach sehnst du dich? Wo find­est du Kraft? Erst wenn wir diese Fra­gen gestellt und die Antworten wirk­lich gehört haben, kön­nen wir über­haupt sin­nvoll von unserem Glauben sprechen. Denn dann kön­nen wir ihn in Beziehung set­zen zu den konkreten Lebens­fra­gen unseres Gegenübers. Paulus war ein Meis­ter dieser Kon­tex­tu­al­isierung. Als er in Athen predigte, knüpfte er an die Kul­tur und Philoso­phie der Griechen an und zitierte sog­ar hei­d­nis­che Dichter, um ihnen das Evan­geli­um nahezubrin­gen (Apos­telgeschichte 17,16 bis 34). Er begeg­nete ihnen in ihrer Welt, bevor er sie in seine ein­lud.

Das Prob­lem viel­er Chris­ten ist jedoch, dass sie alles, was nicht aus­drück­lich christlich erscheint, vorschnell ablehnen. Statt zuzuhören, abzuwä­gen und zu ver­ste­hen, wird manch­es reflexar­tig als „weltlich“, „gefährlich“ oder „unbib­lisch“ abgestem­pelt. Dadurch ver­schließen wir uns nicht nur vor den Fra­gen und Nöten unser­er Mit­men­schen, son­dern auch vor den Möglichkeit­en, Brück­en zu bauen. Wer alles Fremde sofort verurteilt, kann nicht mehr wirk­lich zuhören, und ohne Zuhören gibt es keine echte Begeg­nung. Paulus zeigt uns einen anderen Weg: Er nahm das Fremde ernst, er hörte zu, er ver­stand die Welt seines Gegenübers, bevor er das Evan­geli­um hinein­sprach. Diese Hal­tung fehlt uns heute oft, und sie ist doch entschei­dend für jede glaub­würdi­ge Mis­sion.

Die Klarheit, von der wir sprechen, bezieht sich auf die Fähigkeit, den eige­nen Glauben so zu for­mulieren, dass andere ihn ver­ste­hen kön­nen. Das ist gar nicht so ein­fach, wie es klingt. Viele Chris­ten ver­wen­den eine religiöse Sprache, die für Außen­ste­hende wie eine Fremd­sprache klingt. Worte wie Erlö­sung, Recht­fer­ti­gung, Heili­gung, Gnade sind für Men­schen ohne kirch­lichen Hin­ter­grund oft leere Hülsen. Wir müssen ler­nen, die großen Wahrheit­en des Glaubens in ein­er Sprache zu sagen, die jed­er ver­ste­hen kann. Statt von Erlö­sung zu sprechen, kön­nen wir von Befreiung sprechen. Statt von Sünde zu sprechen, kön­nen wir von Schuld und Ver­sagen sprechen. Statt von Gnade zu sprechen, kön­nen wir von unver­di­en­tem Geschenk sprechen. Das bedeutet nicht, die Inhalte zu ver­wässern, son­dern sie so zu über­set­zen, dass sie ankom­men. Jesus selb­st war ein Meis­ter der ein­fachen, bild­haften Sprache. Er sprach von Sauerteig und Sen­fkörn­ern, von ver­lore­nen Schafen und barmherzi­gen Samaritern, von Wein­ber­gen und Fis­ch­er­net­zen. Er holte die Men­schen dort ab, wo sie lebten, und zeigte ihnen anhand ihrer eige­nen Lebenswelt, wer Gott ist und wie er wirkt.

Ein weit­eres Prob­lem sehe ich darin, dass manche Chris­ten mit großem Selb­st­be­wusst­sein mit dem „Urtext“ argu­men­tieren; oft ohne ihn selb­st wirk­lich lesen oder ver­ste­hen zu kön­nen. Man beruft sich auf Hebräisch oder Griechisch, ohne die Sprachen zu beherrschen, und stützt sich dabei auf sekundäre Quellen oder inzwis­chen sog­ar auf KI-Auswer­tun­gen. Doch das Evan­geli­um wird nicht dadurch glaub­würdi­ger, dass wir mit Fach­be­grif­f­en um uns wer­fen. Jesus hat nie so gelehrt. Seine Botschaft war so klar, dass ein­fache Fis­ch­er sie ver­standen und so tief, dass Gelehrte darüber staunten. Wenn wir das Evan­geli­um verkün­den, dann nicht, um Gelehrsamkeit zu demon­stri­eren, son­dern damit der ein­fache Men­sch, der Suchende, der Sün­der, der Zweifel­nde es hören und begreifen kann. Die gute Nachricht ist nicht kom­pliziert, sie wird nur oft kom­pliziert gemacht.

Ein wichtiger Grund­satz für Mis­sion ohne Druck ist auch die Demut. Wir müssen zugeben kön­nen, dass wir nicht alles wis­sen, dass auch wir Fra­gen haben, dass auch unser Glaube immer wieder erschüt­tert wird. Diese Ehrlichkeit macht uns men­schlich und glaub­würdig. Nie­mand will von jeman­dem belehrt wer­den, der vorgibt, alle Antworten zu haben. Men­schen suchen nach echt­en Gesprächspart­nern, nach Men­schen, die mit ihnen gemein­sam auf dem Weg sind, nicht nach Lehrern, die von oben herab sprechen. Der große The­ologe Thomas von Aquin soll am Ende seines Lebens gesagt haben, dass alles, was er geschrieben habe, ihm nun wie Stroh vorkomme im Ver­gle­ich zu dem, was er in der Begeg­nung mit Gott erfahren habe. Diese Demut vor dem Geheim­nis Gottes bewahrt uns vor religiös­er Arro­ganz. Wir glauben nicht, weil wir alles ver­standen haben, son­dern trotz unseres begren­zten Ver­ste­hens, im Ver­trauen darauf, dass Gott größer ist als unser Denken.

Die konkrete Prax­is ein­er Mis­sion ohne Druck kann sehr unter­schiedlich ausse­hen, je nach Per­sön­lichkeit und Lebenssi­t­u­a­tion. Für manche Men­schen liegt der Schw­er­punkt auf dem prak­tis­chen Dienst. Sie engagieren sich in der Sup­penküche, besuchen Kranke, helfen Geflüchteten, set­zen sich für Gerechtigkeit ein. Ihr Glaube zeigt sich in Tat­en, und oft ergibt sich aus diesen Tat­en her­aus die Gele­gen­heit zum Gespräch. Wenn jemand fragt, warum sie sich so ein­set­zen, kön­nen sie antworten: Weil ich glaube, dass jed­er Men­sch von Gott geliebt ist und Würde hat. Für andere Men­schen liegt der Schw­er­punkt mehr auf dem Gespräch. Sie haben die Gabe, gut zuzuhören und die richti­gen Fra­gen zu stellen. Sie schaf­fen Räume, in denen andere über ihre Lebens­fra­gen sprechen kön­nen, und brin­gen dann behut­sam ihre eigene Per­spek­tive ein. Wieder andere haben eine beson­dere Gabe im Umgang mit Zweifel­nden und Suchen­den. Sie kön­nen mit Men­schen gehen, die zwis­chen Glauben und Unglauben hin und her pen­deln, ohne sie in die eine oder andere Rich­tung zu drän­gen.

Wiederum andere erfüllen ihren mis­sion­ar­ischen Auf­trag, indem sie schreiben: Büch­er, Blogs, Andacht­en, Kom­mentare, geistliche Impulse. Sie erre­ichen Men­schen nicht durch direk­te Gespräche, son­dern durch Worte, die nachk­lin­gen, begleit­en, her­aus­fordern oder trösten. Ger­ade in ein­er Zeit, in der viele ihre Fra­gen zuerst im Inter­net stellen, kön­nen solche Texte Türen öff­nen, die im per­sön­lichen Kon­takt vielle­icht ver­schlossen blieben. Wer schreibt, sät leise; manch­mal unbe­merkt, manch­mal erst Jahre später sicht­bar. Doch auch das ist Mis­sion: das Evan­geli­um so zu for­mulieren, dass es Men­schen in ihrem All­t­ag erre­icht, in ihrer Sprache, in ihrem Tem­po, in ihrer Lebenssi­t­u­a­tion.

Ein Aspekt, der oft überse­hen wird, ist die Bedeu­tung der Gast­fre­und­schaft für die Mis­sion. In den ersten Jahrhun­derten der Kirche spielte die Gast­fre­und­schaft eine zen­trale Rolle. Die Chris­ten luden Men­schen in ihre Häuser ein, teil­ten Mahlzeit­en mit ihnen, feierten zusam­men, und im Rah­men dieser Gemein­schaft lern­ten die Gäste den christlichen Glauben ken­nen. Diese Form der Mis­sion ist heute wieder sehr aktuell. Wenn wir Men­schen ein­laden, mit uns zu essen, gemein­sam einen schö­nen Abend zu ver­brin­gen, Feste zu feiern, dann schaf­fen wir einen Raum der Begeg­nung, in dem Men­schen die Atmo­sphäre des Glaubens erleben kön­nen, ohne dass viele Worte nötig sind. Sie spüren, wie wir miteinan­der umge­hen, wie wir beten, wie wir Dankbarkeit aus­drück­en, wie wir mit Kon­flik­ten umge­hen. All das ist Mis­sion, ohne dass das Wort auch nur ein­mal fällt.

Die Frage nach der Klarheit stellt sich beson­ders in Sit­u­a­tio­nen, wo konkret nach unserem Glauben gefragt wird. Hier ist es wichtig, dass wir eine Antwort parat haben, die zugle­ich per­sön­lich und ver­ständlich ist. Wir soll­ten in der Lage sein zu sagen, was der Glaube für uns bedeutet, welche Erfahrun­gen wir gemacht haben, wo wir Gottes Wirken erlebt haben. Dabei geht es nicht darum, beson­ders fromm oder beson­ders the­ol­o­gisch zu klin­gen, son­dern ein­fach ehrlich zu sein. Eine Antwort kön­nte sein: Für mich ist der Glaube wie ein Anker, der mir Halt gibt, wenn um mich herum alles wankt. Ich habe in schw­eren Zeit­en erlebt, dass ich nicht allein bin, dass da eine Kraft ist, die größer ist als ich, und die mich trägt. Oder: Der Glaube gibt meinem Leben einen Sinn, der über mich selb­st hin­aus­ge­ht. Ich bin Teil von etwas Größerem, und das macht mich frei von dem Druck, mich selb­st ver­wirk­lichen zu müssen. Solche per­sön­lichen Aus­sagen sind viel wirk­samer als abstrak­te Glaubenssätze.

Es ist auch wichtig zu erken­nen, dass Mis­sion kein Pro­jekt ist, das wir abschließen kön­nen, son­dern eine Hal­tung, die unser ganzes Leben durchzieht. Wir sind immer Zeu­gen, ob wir wollen oder nicht. Men­schen beobacht­en, wie wir leben, wie wir mit Stress umge­hen, wie wir reagieren, wenn wir ungerecht behan­delt wer­den, wie wir über andere sprechen, wie großzügig oder geizig wir sind. All das ist bere­its Mis­sion oder Anti Mis­sion. Mahat­ma Gand­hi soll ein­mal gesagt haben: “Ich mag euren Chris­tus, aber ich mag eure Chris­ten nicht. Eure Chris­ten sind so anders als euer Chris­tus.” Diese Aus­sage ist eine schmer­zliche Erin­nerung daran, dass unser Leben oft nicht zu unseren Worten passt. Die beste Form der Mis­sion ist ein Leben, das so sehr von der Liebe Christi durch­drun­gen ist, dass andere davon ange­zo­gen wer­den.

In manchen Sit­u­a­tio­nen erfordert Mis­sion auch Mut, klar Posi­tion zu beziehen, auch wenn das unbe­quem ist. Wenn in unserem Umfeld Unrecht geschieht, wenn Men­schen aus­ge­gren­zt oder her­abgewürdigt wer­den, wenn Lügen ver­bre­it­et wer­den, dann kön­nen wir nicht schweigen und uns auf die Zurück­hal­tung berufen. Jesus war dur­chaus kon­fronta­tiv, wenn es um Ungerechtigkeit ging. Er warf die Händler aus dem Tem­pel, er nan­nte die religiösen Führer Heuch­ler, er stellte sich auf die Seite der Aus­ge­gren­zten und Ver­achteten. Diese prophetis­che Dimen­sion gehört auch zur Mis­sion. Diet­rich Bon­ho­ef­fer, der deutsche The­ologe und Wider­stand­skämpfer, schrieb: “Schweigen im Angesicht des Bösen ist selb­st böse. Gott wird uns nicht für unschuldig hal­ten. Nicht zu sprechen ist zu sprechen. Nicht zu han­deln ist zu han­deln.” Es gibt Momente, in denen Klarheit bedeutet, unbe­quem zu sein und Wider­spruch zu riskieren.

Die Frage, wie wir mit Men­schen anderen Glaubens umge­hen, ist für Mis­sion heute beson­ders wichtig. Wir leben in ein­er plu­ral­is­tis­chen Gesellschaft, in der ver­schiedene Reli­gio­nen und Weltan­schau­un­gen nebeneinan­der existieren. Hier gilt es, einen Weg zu find­en zwis­chen dem Respekt vor der Überzeu­gung des anderen und der Treue zur eige­nen Überzeu­gung. Respekt bedeutet nicht, dass wir alle Reli­gio­nen für gle­ich wahr hal­ten müssen. Es bedeutet aber, dass wir die Würde des anderen Men­schen acht­en und seinen Glauben ernst nehmen, auch wenn wir nicht alles teilen. Papst Johannes Paul II lud 1986 Vertreter aller Wel­tre­li­gio­nen nach Assisi ein, um gemein­sam für den Frieden zu beten. Jede Reli­gion betete nach ihrer eige­nen Tra­di­tion, aber alle beteten für das­selbe Ziel. Diese Form des respek­tvollen Miteinan­ders ist heute wichtiger denn je. Sie schließt nicht aus, dass wir von unserem eige­nen Glauben überzeugt sind und anderen davon erzählen. Sie bedeutet aber, dass wir das in ein­er Hal­tung der Achtung tun und nicht in ein­er Hal­tung der Über­legen­heit.

Ein oft überse­hen­er Aspekt der Mis­sion ist auch das Gebet. Bevor wir mit anderen über den Glauben sprechen, soll­ten wir für sie beten. Wir kön­nen Gott bit­ten, dass er ihre Herzen öffnet, dass er ihnen begeg­net, dass er sie sucht und find­et. Diese betende Hal­tung bewahrt uns davor, Mis­sion als ein Pro­jekt zu sehen, das wir durch unsere Anstren­gung zum Erfolg brin­gen müssen. Es ist let­ztlich Gottes Werk, nicht unseres. Wir sind nur Werkzeuge, Ver­mit­tler, Boten. Der Erfolg liegt nicht in unser­er Hand. Das ent­lastet uns und nimmt den Druck weg. Wir müssen nie­man­den bekehren, wir müssen nur treu Zeug­nis geben von dem, was wir selb­st erfahren haben. Was daraus wird, liegt in Gottes Hand. Paulus schreibt: “Ich habe gepflanzt, Apol­los hat begossen, aber Gott hat das Gedei­hen gegeben” (1. Korinther 3,6). Diese Erken­nt­nis macht uns frei.

Mis­sion heute bedeutet auch, offen zu sein für die Fra­gen der Zeit und zu zeigen, dass der Glaube rel­e­vante Antworten hat. Men­schen fra­gen heute nach Sinn in ein­er schein­bar sinnlosen Welt, nach Ori­en­tierung in ein­er unüber­sichtlichen Zeit, nach Halt in ein­er Gesellschaft der Beschle­u­ni­gung, nach Gemein­schaft in ein­er Welt der Vere­inzelung. Der christliche Glaube hat auf all diese Fra­gen Antworten, aber wir müssen sie so for­mulieren, dass sie gehört wer­den. Wir müssen zeigen, dass der Glaube nicht welt­fremd ist, son­dern mit­ten in der Welt rel­e­vant. Wenn wir über die Schöp­fung sprechen, müssen wir auch über Umweltschutz sprechen. Wenn wir über Näch­sten­liebe sprechen, müssen wir auch über soziale Gerechtigkeit sprechen. Wenn wir über Frieden sprechen, müssen wir auch über Ver­söh­nung und Kon­flik­tlö­sung sprechen. Der Glaube muss im Leben Gestalt gewin­nen, son­st bleibt er abstrakt und unglaub­würdig.

Schließlich gehört zur Mis­sion auch die Bere­itschaft, selb­st von anderen zu ler­nen. Mis­sion ist keine Ein­bahn­straße, in der wir nur geben und die anderen nur emp­fan­gen. Oft sind es ger­ade die Men­schen außer­halb der Kirche, die uns den Spiegel vorhal­ten und uns zeigen, wo wir ver­sagt haben, wo wir unglaub­würdig gewor­den sind, wo wir uns von der Botschaft Jesu ent­fer­nt haben. Wenn wir wirk­lich zuhören, kön­nen wir von Athe­is­ten ler­nen, warum sie nicht glauben kön­nen, und das kann uns helfen, unseren eige­nen Glauben tiefer zu ver­ste­hen. Wir kön­nen von Men­schen ander­er Reli­gio­nen ler­nen, wie sie beten, wie sie Gott erfahren, wie sie Gemein­schaft leben. Diese Offen­heit macht uns nicht zu schlechteren Chris­ten, son­dern zu besseren, weil sie uns demütig macht und uns zeigt, dass Gott größer ist als unsere Vorstel­lun­gen von ihm.

Mis­sion ohne Druck, aber mit Klarheit ist also eine Hal­tung, die auf Beziehung, Respekt, Authen­tiz­ität und Liebe grün­det. Sie erfordert Mut und Zurück­hal­tung zugle­ich, Überzeu­gung und Offen­heit, Treue zum eige­nen Glauben und Achtung vor dem anderen. Sie geschieht nicht in spek­takulären Großver­anstal­tun­gen, son­dern im All­t­ag, in kleinen Begeg­nun­gen, in ehrlichen Gesprächen, im gelebten Leben. Sie ist kein Pro­gramm, das wir abar­beit­en kön­nen, son­dern ein Weg, den wir gemein­sam mit anderen gehen, Suchende unter Suchen­den, Geliebte unter Geliebten, alle unter­wegs zu dem einen Ziel, das Paulus so beschreibt: “Dass Gott sei alles in allem” (1. Korinther 15,28): “Wenn aber alles ihm unter­tan sein wird, dann wird auch der Sohn selb­st unter­tan sein dem, der ihm alles unter­wor­fen hat, damit Gott sei alles in allem.”

Bern­hard Beck