Die Zeit­en haben sich gedreht. Während früher der­jenige als Außen­seit­er galt, der sich von der Kirche abwandte, ist heute das Gegen­teil der Fall. Wer sich offen zu seinem Glauben beken­nt, wer als junger Men­sch sagt, dass er Christ ist und zur Kirche gehört, der ern­tet oft Stirn­run­zeln oder wird belächelt. Die Kirche gilt in vie­len Kreisen als über­holt, als Relikt aus ver­gan­genen Zeit­en, das in unsere mod­erne Welt nicht mehr hinein­passt. Wer als fortschrit­tlich und zeit­gemäß wahrgenom­men wer­den möchte, der dis­tanziert sich lieber von kirch­lichen Werten und macht vielle­icht sog­ar einen Scherz auf Kosten des Glaubens. Diese Ver­schiebung ist real und sie stellt uns Chris­ten vor eine wichtige Frage: Wie gehen wir damit um?

Es gibt ver­schiedene Arten von Kri­tik, mit denen wir kon­fron­tiert wer­den. Da ist zum einen der ober­fläch­liche Spott, der aus Unwis­senheit entspringt. Men­schen, die nie wirk­lich ver­standen haben, worum es im christlichen Glauben geht, die sich nie die Mühe gemacht haben, die Botschaft der Bibel zu erforschen oder die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen ken­nen­zuler­nen, äußern sich abfäl­lig. Dieser Spott kann uns tat­säch­lich ziem­lich gle­ichgültig lassen, denn er hat keine Sub­stanz. Er kratzt nur an der Ober­fläche und berührt nicht den Kern dessen, was unseren Glauben aus­macht. Jesus selb­st sagte seinen Jüngern voraus, dass sie um seinetwillen verspot­tet wer­den wür­den: “Selig seid ihr, wenn euch die Men­schen um meinetwillen schmähen und ver­fol­gen und reden aller­lei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen” (Matthäus 5,11). Diese Worte erin­nern uns daran, dass Ablehnung von außen zum Christ­sein dazuge­hört und uns nicht erschüt­tern sollte.

Anders ver­hält es sich jedoch mit der begrün­de­ten Kri­tik. Diese Art der Kri­tik kommt oft von Men­schen, die die Kirche ken­nen, die vielle­icht selb­st ein­mal Teil davon waren oder die sich inten­siv mit ihr auseinan­derge­set­zt haben. Sie weisen auf tat­säch­liche Missstände hin, auf Fehler in der Geschichte, auf men­schlich­es Ver­sagen inner­halb der kirch­lichen Struk­turen, auf man­gel­nde Glaub­würdigkeit einzel­ner Vertreter. Diese Kri­tik trifft uns anders, denn sie trifft eine Wunde, die wir selb­st bere­its spüren. Jed­er Christ, der ehrlich ist, lei­det an der Unvol­lkom­men­heit der Kirche. Wir sehen die Brüche zwis­chen Anspruch und Wirk­lichkeit, wir erleben Ent­täuschun­gen durch Men­schen, von denen wir mehr erwartet hät­ten, wir bemerken, dass auch in der Kirche Ego­is­mus, Macht­streben und Lieblosigkeit vorkom­men kön­nen. Dieses Lei­den ist real und es ist wichtig, dass wir es nicht ver­drän­gen.

Die Frage ist also nicht, ob die Kirche unvol­lkom­men ist. Das ist sie zweifel­los, denn sie beste­ht aus Men­schen, und Men­schen sind fehler­haft. Die entschei­dende Frage lautet vielmehr: Wie gehen wir mit dieser Unvol­lkom­men­heit um? Ver­lassen wir deshalb das Schiff? Wen­den wir uns ab, weil nicht alles so ist, wie es sein sollte? Oder erken­nen wir, dass ger­ade diese Unvol­lkom­men­heit ein Merk­mal der Kirche ist, solange sie auf dieser Erde existiert? Der große The­ologe Augusti­nus prägte den Satz: “Die Kirche ist eine Hure, aber sie ist meine Mut­ter.” Dieses pro­vokante Wort drückt aus, dass die Kirche trotz all ihrer Fehler und Schwächen der Ort ist, an dem wir den Glauben emp­fan­gen, an dem wir genährt wer­den und wach­sen kön­nen.

Es ist wichtig, dass wir zwis­chen der Kirche als Insti­tu­tion und der Kirche als Gemein­schaft der Glauben­den unter­schei­den. Die Insti­tu­tion mag ver­sagen, Struk­turen kön­nen starr und leb­los wer­den, einzelne Amt­sträger kön­nen ihrem Auf­trag nicht gerecht wer­den. Aber die eigentliche Kirche, die Gemein­schaft der­er, die an Jesus Chris­tus glauben, die sein Wort hören und danach zu leben ver­suchen, diese Kirche bleibt lebendig. Sie ist der Leib Christi, wie Paulus schreibt: “Ihr aber seid der Leib Christi und jed­er Einzelne ein Glied” (1. Korinther 12,27). Diese Gemein­schaft trägt trotz aller men­schlichen Schwäche das Licht der Hoff­nung in die Welt.

Und doch ver­lassen heute viele Men­schen diese lebendi­ge Kirche, weil sie nicht unter­schei­den kön­nen oder nicht unter­schei­den wollen. Sie sehen das Ver­sagen der Insti­tu­tion und schließen daraus, dass der ganze Glaube wert­los sei. Statt sich neu am Wort Gottes auszuricht­en, basteln sie sich ihren eige­nen Glauben zurecht; eine Mis­chung aus per­sön­lichen Vor­lieben, kul­turellen Trends und einzel­nen Bibel­versen, die ins eigene Welt­bild passen. Beson­ders in den sozialen Medi­en beobacht­en wir, wie schnell sich solche „Pri­va­tre­li­gio­nen“ ver­bre­it­en: Jed­er wird zum eige­nen Lehrer, jede Mei­n­ung zur Wahrheit, jede Kri­tik zur Bedro­hung. Doch ein Glaube, der sich selb­st kon­stru­iert, trägt nicht. Er hat keine Wurzeln, keine Kor­rek­tur, keine Gemein­schaft. Die wahre Kirche bleibt; aber viele ent­fer­nen sich von ihr, weil sie die Unter­schei­dung zwis­chen men­schlich­er Schwäche und göt­tlich­er Wahrheit ver­loren haben.

Wenn wir mit Kri­tik an der Kirche kon­fron­tiert wer­den, soll­ten wir zunächst prüfen, ob sie berechtigt ist. Ehrliche Selb­stkri­tik gehört zum christlichen Leben dazu. Wo Fehler gemacht wur­den, soll­ten wir sie eingeste­hen. Wo Unrecht geschehen ist, soll­ten wir um Verge­bung bit­ten. Wo Struk­turen zum Hin­der­nis gewor­den sind, soll­ten wir für Verän­derung ein­treten. Diese Hal­tung der Demut und Bere­itschaft zur Umkehr ist zutief­st bib­lisch. Der Prophet Jere­mia rief das Volk Israel immer wieder zur Umkehr auf, und Jesus selb­st begann seine Verkündi­gung mit den Worten: “Tut Buße, denn das Him­mel­re­ich ist nahe her­beigekom­men” (Matthäus 4,17). Diese Hal­tung der Umkehr und Selb­st­prü­fung gilt nicht nur für die Kirche als Ganzes, son­dern für jeden einzel­nen Chris­ten; und ganz beson­ders für jene, die die Kirche mit großer Lei­den­schaft kri­tisieren. Kri­tik kann notwendig und heil­sam sein, doch sie ver­liert ihre geistliche Kraft, wenn sie nicht aus einem demüti­gen Herzen kommt. Wer ständig auf die Fehler ander­er zeigt, ohne die eige­nen zu prüfen, ver­fehlt den Weg Jesu. Wahre Erneuerung begin­nt immer bei uns selb­st: in der Bere­itschaft, uns kor­rigieren zu lassen, Schuld einzugeste­hen und neu nach Gottes Willen zu fra­gen. Nur wer selb­st zur Umkehr bere­it ist, kann glaub­würdig zur Umkehr rufen.

Gle­ichzeit­ig dür­fen wir aber auch deut­lich machen, wofür die Kirche ste­ht und was ihren eigentlichen Auf­trag aus­macht. Die Kirche ist nicht in erster Lin­ie eine moralis­che Instanz oder eine soziale Organ­i­sa­tion, auch wenn bei­de Aspek­te wichtig sind. Die Kirche ist der Ort, an dem die Botschaft von der Liebe Gottes verkün­det wird, an dem Men­schen Verge­bung erfahren kön­nen, an dem Gemein­schaft gelebt wird und an dem die Hoff­nung auf das ewige Leben lebendig gehal­ten wird. Diese Kern­botschaft bleibt gültig, unab­hängig davon, wie fehler­haft ihre Verkündi­ger sind. Mar­tin Luther King sagte ein­mal: “Die Kirche muss daran erin­nert wer­den, dass sie nicht Her­rin oder Diener­in des Staates ist, son­dern sein Gewis­sen. Sie muss der Führer und Kri­tik­er des Staates sein, niemals sein Werkzeug.”

Was bedeutet das nun konkret für unser Leben als Chris­ten in ein­er Gesellschaft, in der Kirch­lichkeit nicht mehr selb­stver­ständlich ist? Es bedeutet zunächst, dass wir selb­st ein glaub­würdi­ges Leben führen soll­ten. Die beste Antwort auf Kri­tik ist ein Leben, das von der Liebe Christi geprägt ist. Wenn Men­schen an uns sehen, dass unser Glaube uns zu besseren Men­schen macht, dass er uns Kraft gibt in schwieri­gen Zeit­en, dass er uns verbindet mit anderen und dass er uns zu einem dienen­den Leben befähigt, dann wird das mehr überzeu­gen als tausend Worte. Jesus sagte: “Daran wird jed­er­mann erken­nen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untere­inan­der habt” (Johannes 13,35).

Und wie ste­ht es heute um die Liebe unter den Chris­ten? Oft wirkt sie eher bedürftig als überzeu­gend. Statt Ein­heit sehen wir vielerorts Stre­it, harte Worte, Spal­tun­gen und ver­let­zte Beziehun­gen. In sozialen Medi­en wird das beson­ders sicht­bar: Brüder und Schwest­ern, die sich eigentlich an der Liebe Christi erken­nen lassen soll­ten, begeg­nen einan­der mit Mis­strauen, Abw­er­tung oder Feind­seligkeit. Wenn wir in einem solchen Zus­tand sind, ziemt es sich dann wirk­lich, die Kirche von außen zu kri­tisieren? Viel nötiger wäre es, zuerst die eigene Hal­tung zu prüfen. Denn eine Kirche, die von innen her­aus durch man­gel­nde Liebe geschwächt wird, ver­liert ihre Glaub­würdigkeit; nicht wegen ihrer Lehre, son­dern wegen ihres Lebens. Die Welt erken­nt Chris­tus nicht an unseren Argu­menten, son­dern an unser­er Liebe.

Es bedeutet auch, dass wir mutig zu unserem Glauben ste­hen soll­ten. Mut heißt nicht, dass wir anderen unsere Überzeu­gun­gen auf­drän­gen oder uns über­legen fühlen. Mut heißt, dass wir authen­tisch sind, dass wir nicht ver­steck­en, was uns wichtig ist, und dass wir bere­it sind, für unsere Werte einzutreten, auch wenn das unbe­quem ist. In ein­er Zeit, in der Beliebigkeit oft als Tol­er­anz missver­standen wird, ist es wichtig, dass wir Posi­tion beziehen. Der Apos­tel Paulus schrieb an Tim­o­theus: “Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, son­dern der Kraft und der Liebe und der Beson­nen­heit” (2. Tim­o­theus 1,7). Diese drei Eigen­schaften soll­ten unser Auftreten prä­gen: Kraft, um stand­haft zu bleiben, Liebe, um respek­tvoll mit Ander­s­denk­enden umzuge­hen, und Beson­nen­heit, um weise zu han­deln.

Zudem soll­ten wir Teil ein­er lebendi­gen Gemeinde sein. Der Glaube ist keine Pri­vatan­gele­gen­heit, die jed­er für sich allein prak­tiziert. Wir brauchen die Gemein­schaft mit anderen Chris­ten, um im Glauben zu wach­sen, um ermutigt zu wer­den, um zu ler­nen und um gemein­sam zu feiern. In der Gemein­schaft erleben wir, dass wir nicht allein sind mit unseren Zweifeln und Fra­gen, dass andere ähn­liche Erfahrun­gen machen und dass wir uns gegen­seit­ig stärken kön­nen. Der Hebräer­brief ermah­nt uns: “Lasst uns aufeinan­der acht­en und einan­der ans­pornen zur Liebe und zu guten Werken und nicht ver­lassen unsre Ver­samm­lun­gen, wie einige zu tun pfle­gen, son­dern einan­der ermah­nen” (Hebräer 10,24–25).

Wir soll­ten auch bere­it sein, in den Dia­log zu treten. Wenn Men­schen Fra­gen haben oder Kri­tik äußern, soll­ten wir zuhören und ern­sthaft antworten. Oft liegt hin­ter der Ablehnung der Kirche eine tief­ere Sehn­sucht nach Sinn, nach Gemein­schaft, nach etwas, das größer ist als wir selb­st. Wenn wir diese Sehn­sucht erken­nen und darauf einge­hen kön­nen, öff­nen sich manch­mal über­raschende Gesprächsmöglichkeit­en. Petrus schreibt: “Seid allezeit bere­it zur Ver­ant­wor­tung vor jed­er­mann, der von euch Rechen­schaft fordert über die Hoff­nung, die in euch ist” (1. Petrus 3,15). Diese Bere­itschaft zum Gespräch set­zt voraus, dass wir selb­st wis­sen, warum wir glauben und was uns trägt.

Schließlich soll­ten wir nicht vergessen, dass die Kirche let­ztlich nicht unser Werk ist, son­dern Gottes Werk. Jesus selb­st hat ver­sprochen: “Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen  Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht über­wälti­gen” (Matthäus 16,18). Diese Zusage gibt uns Zuver­sicht. So sehr wir uns auch bemühen soll­ten, die Kirche mitzugestal­ten und zu verbessern, so sehr müssen wir auch darauf ver­trauen, dass Gott sie in sein­er Hand hält. Die Geschichte zeigt, dass die Kirche viele schwere Zeit­en über­standen hat, dass sie immer wieder erneuert wurde und dass sie trotz aller Anfech­tun­gen beste­hen blieb. Dieses Ver­trauen ent­lastet uns und gibt uns gle­ichzeit­ig die Frei­heit, das zu tun, was in unser­er Macht ste­ht, ohne die Last der ganzen Welt auf unseren Schul­tern tra­gen zu müssen.

Die Insti­tu­tion Kirche mag klein­er wer­den, und viele mögen ihre Gebäude ver­lassen; doch der Leib Christi bleibt beste­hen. Er ist nicht an Mauern gebun­den, son­dern an Men­schen, die Jesus nach­fol­gen. Wer jedoch die Kirche wegen ihrer Sün­den und Unvol­lkom­men­heit ver­lässt, sollte nicht vergessen, dass er selb­st ein Sün­der ist und Chris­tus ihn den­noch nicht ver­lassen hat. Ger­ade deshalb ist es ein Zeichen geistlich­er Reife, in der Gemein­schaft zu bleiben, auch wenn sie brüchig ist. Und wer sich bewusst von der Kirche löst, ver­liert zugle­ich die Grund­lage, sie weit­er­hin zu kri­tisieren. Denn echte Kri­tik wächst aus Liebe und Ver­ant­wor­tung; nicht aus Dis­tanz oder Selb­stüber­höhung. Die wahre Kirche bleibt, weil Chris­tus sie trägt; wir aber sind ein­ge­laden, in ihr zu bleiben und mit ihr zu wach­sen.

In ein­er Zeit, in der es Mut braucht, sich zur Kirche zu beken­nen, haben wir als Chris­ten die Möglichkeit, Zeug­nis abzule­gen von ein­er Hoff­nung, die trägt. Wir kön­nen zeigen, dass Glaube nicht rück­wärts­ge­wandt ist, son­dern dass er uns befähigt, die Gegen­wart zu gestal­ten und mit Zuver­sicht in die Zukun­ft zu blick­en. Wir kön­nen deut­lich machen, dass die Kirche trotz aller Schwächen ein Ort ist, an dem Men­schen Heimat find­en, an dem Verge­bung geschieht und an dem die Liebe Gottes erfahrbar wird. Das ist eine Botschaft, die unsere Welt drin­gend braucht, auch wenn oder ger­ade weil sie oft über­hört wird.

Bern­hard Beck