Ephe­ser 1, 3–6

“Gelobt sei Gott, der Vater unse­res Herrn Jesus Chris­tus, der uns geseg­net hat mit allem geist­li­chen Segen im Him­mel durch Chris­tus. Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir hei­lig und unta­de­lig vor ihm sein soll­ten; in sei­ner Lie­be hat er uns dazu vor­her­be­stimmt, sei­ne Kin­der zu sein durch Jesus Chris­tus nach dem Wohl­ge­fal­len sei­nes Wil­lens, zum Lob sei­ner herr­li­chen Gna­de, mit der er uns begna­det hat in dem Gelieb­ten.”

Pau­lus bricht in die­sen Ver­sen in einen über­wäl­ti­gen­den Lob­preis aus, der uns tief in das Herz des Evan­ge­li­ums führt und uns zeigt, wie weit Got­tes Lie­be und sein Plan für uns zurück­rei­chen. Der Apos­tel beginnt mit einem Aus­ruf des Lobes, der nicht aus einer momen­ta­nen Gefühls­re­gung ent­springt, son­dern aus der Erkennt­nis einer gewal­ti­gen geist­li­chen Wahr­heit. Wenn er Gott preist, der uns mit allem geist­li­chen Segen im Him­mel durch Chris­tus geseg­net hat, dann spricht er von einer Rea­li­tät, die bereits voll­stän­dig vor­han­den ist, nicht von etwas, das wir erst noch errei­chen müs­sen. Die­se Wahr­heit ist revo­lu­tio­när, denn sie stellt unse­re übli­che Denk­wei­se auf den Kopf. Wir sind geneigt zu glau­ben, dass wir durch Anstren­gung, Fröm­mig­keit oder gute Wer­ke die Gunst Got­tes erlan­gen müs­sen, doch Pau­lus ver­kün­det das genaue Gegen­teil. Gott hat uns bereits geseg­net, und zwar nicht mit einem klei­nen Teil sei­ner Gna­de, son­dern mit jedem geist­li­chen Segen, der im himm­li­schen Bereich exis­tiert. Die­se Fül­le der Seg­nung ist uns durch Chris­tus zugäng­lich gemacht wor­den, und sie gehört jedem, der mit ihm ver­bun­den ist.

Die Tat­sa­che, dass die­se Seg­nun­gen im Him­mel sind, bedeu­tet nicht, dass sie für uns uner­reich­bar oder nur in der Zukunft ver­füg­bar wären, son­dern dass sie ihren Ursprung in der unsicht­ba­ren geist­li­chen Wirk­lich­keit haben, die eben­so real ist wie die mate­ri­el­le Welt um uns her­um. Pau­lus schreibt in Kolos­ser 3,1–2: “Seid ihr nun mit Chris­tus auf­er­weckt, so sucht, was dro­ben ist, wo Chris­tus ist, sit­zend zur Rech­ten Got­tes. Trach­tet nach dem, was dro­ben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.” Die­se Ermah­nung zeigt uns, dass wir ler­nen müs­sen, in zwei Wel­ten gleich­zei­tig zu leben und die geist­li­chen Rea­li­tä­ten als eben­so wirk­lich anzu­er­ken­nen wie die phy­si­schen. Vie­le Chris­ten leben weit unter ihren geist­li­chen Mög­lich­kei­ten, weil sie sich die­ser himm­li­schen Seg­nun­gen nicht bewusst sind oder nicht ver­ste­hen, wie sie dar­auf zugrei­fen kön­nen. Der Zugang zu die­sen Seg­nun­gen geschieht durch Glau­ben, durch das Bewusst­sein unse­rer Stel­lung in Chris­tus und durch ein Leben im Gebet und in der Gemein­schaft mit Gott.

Vie­le Chris­ten heu­te leben fast aus­schließ­lich in der sicht­ba­ren, rea­len Welt und kön­nen sich eine geist­li­che Wirk­lich­keit kaum noch vor­stel­len. Das liegt nicht dar­an, dass sie weni­ger intel­li­gent oder weni­ger gläu­big wären, son­dern weil ihnen oft die bibli­schen Grund­la­gen feh­len, die frü­her selbst­ver­ständ­lich waren. Wo das Gebet sel­ten gewor­den ist, wo die Bibel kaum noch geöff­net wird, wo man sich nicht mehr bewusst vom Hei­li­gen Geist füh­ren, lei­ten und for­men lässt, ver­liert der Glau­be sei­ne Tie­fe und sei­ne geist­li­che Wahr­neh­mung. Dann bleibt nur noch das, was man sehen und anfas­sen kann. Doch wer die himm­li­schen Seg­nun­gen nicht kennt, wird sie auch nicht erwar­ten. Und wer nicht lernt, im Geist zu leben, wird die geist­li­che Welt für unrea­lis­tisch hal­ten. Die Fol­ge ist ein Chris­ten­tum, das äußer­lich aktiv, aber inner­lich kraft­los ist, weil es die Quel­le nicht mehr sucht.

Nun führt Pau­lus uns noch tie­fer in Got­tes ewi­gen Plan, indem er offen­bart, dass Gott uns in Chris­tus erwählt hat, noch bevor die Welt erschaf­fen wur­de. Die­se Aus­sa­ge ist für vie­le Men­schen schwer zu ver­ste­hen und hat in der Kir­chen­ge­schich­te zu vie­len Dis­kus­sio­nen geführt, doch ihre grund­le­gen­de Bot­schaft ist klar und tröst­lich. Unse­re Bezie­hung zu Gott ist nicht das Ergeb­nis eines glück­li­chen Zufalls oder unse­rer eige­nen reli­giö­sen Suche, son­dern sie ent­springt einem ewi­gen Rat­schluss Got­tes. Bevor die Zeit begann, bevor der ers­te Stern am Him­mel leuch­te­te, bevor der ers­te Mensch sei­nen ers­ten Atem­zug tat, hat­te Gott bereits an dich und mich gedacht. Er hat­te einen Plan, eine Absicht, eine Lie­be, die sich auf uns rich­te­te. Die­se Wahr­heit soll­te uns mit einer tie­fen Ehr­furcht und gleich­zei­tig mit einem uner­schüt­ter­li­chen Gefühl der Sicher­heit erfül­len. Wenn Gott uns vor Grund­le­gung der Welt erwählt hat, dann kann nichts und nie­mand die­se Ent­schei­dung rück­gän­gig machen.

Ja, Gott erwählt die einen, und die ande­ren (noch) nicht. Doch das bedeu­tet nicht, dass Gott die Nicht‑Erwählten weni­ger liebt. Sei­ne Erwäh­lung ist nie ein Akt der Aus­gren­zung, son­dern immer ein Akt der Sen­dung. Die Erwähl­ten sind nicht die „Bes­se­ren“, son­dern die Beru­fe­nen, Werk­zeu­ge sei­ner Gna­de. Durch sie sol­len die­je­ni­gen, die Gott noch nicht ken­nen, zum Glau­ben ein­ge­la­den wer­den. Erwäh­lung ist also kein Pri­vi­leg, das uns über ande­re erhebt, son­dern ein Auf­trag, der uns zu ande­ren sen­det. Gott gebraucht die Erwähl­ten, um die Nicht‑Erwählten zu errei­chen, damit am Ende mög­lichst vie­le geret­tet wer­den. So wird Erwäh­lung nicht zur Mau­er, son­dern zur Brü­cke; nicht zur Gren­ze, son­dern zum Weg, auf dem Got­tes Lie­be wei­ter­ge­ge­ben wird.

Der Zweck die­ser Erwäh­lung ist klar for­mu­liert: Wir sol­len hei­lig und unta­de­lig vor Gott sein. Die­se Aus­sa­ge könn­te uns zunächst ein­schüch­tern, denn wer von uns kann von sich behaup­ten, wirk­lich hei­lig und unta­de­lig zu sein? Doch Pau­lus spricht hier von unse­rer Stel­lung vor Gott, nicht pri­mär von unse­rem aktu­el­len mora­li­schen Zustand. Durch das Opfer Jesu Chris­ti sind wir in Got­tes Augen hei­lig und unta­de­lig, weil Chris­tus selbst unse­re Gerech­tig­keit ist. Pau­lus schreibt in 2. Korin­ther 5,21: “Denn er hat den, der von kei­ner Sün­de wuss­te, für uns zur Sün­de gemacht, damit wir in ihm die Gerech­tig­keit wür­den, die vor Gott gilt.” Die­se Wahr­heit bedeu­tet nicht, dass unser Ver­hal­ten unwich­tig wäre oder dass wir in Sün­de leben könn­ten, ohne Kon­se­quen­zen zu befürch­ten. Viel­mehr ist sie die Grund­la­ge, auf der ech­te Hei­li­gung wach­sen kann. Nur wenn wir ver­ste­hen, dass Gott uns bereits als hei­lig ansieht, kön­nen wir die Kraft fin­den, tat­säch­lich hei­li­ger zu leben. Die Angst vor Ableh­nung und die stän­di­ge Unsi­cher­heit über unse­re Stel­lung vor Gott läh­men geist­li­ches Wachs­tum, wäh­rend die Gewiss­heit der Annah­me uns befreit, in der Lie­be Got­tes zu wach­sen.

Pau­lus fügt hin­zu, dass die­se Erwäh­lung in Got­tes Lie­be geschah. Das ist der ent­schei­den­de Punkt, den wir nicht über­se­hen dür­fen. Gott hat uns nicht erwählt, weil er zukünf­ti­ge Ver­diens­te in uns sah oder weil wir ihm irgend­wie nütz­lich sein könn­ten. Sei­ne Erwäh­lung ent­sprang allein sei­ner Lie­be. Die­se Lie­be ist nicht eine Reak­ti­on auf etwas Lie­bens­wer­tes in uns, son­dern sie ist die Ursa­che für alles Gute, das wir emp­fan­gen. Der Apos­tel Johan­nes schreibt in 1. Johan­nes 4,19: “Lasst uns lie­ben, denn er hat uns zuerst geliebt.” Got­tes Lie­be kommt immer zuerst, sie ist die Initia­ti­ve, die allem ande­ren vor­aus­geht. Wenn wir die­se Wahr­heit wirk­lich ver­ste­hen, ver­än­dert sie unser gan­zes Leben. Wir müs­sen nicht mehr um Lie­be kämp­fen, sie ver­die­nen oder erkämp­fen, son­dern wir kön­nen ein­fach in der Gewiss­heit ruhen, dass wir von dem all­mäch­ti­gen Gott des Uni­ver­sums geliebt sind und zwar mit einer Lie­be, die ewig ist und nie­mals auf­hört.

Die Vor­her­be­stim­mung, dass wir Got­tes Kin­der sein sol­len, führt das The­ma der Erwäh­lung wei­ter und zeigt uns das herr­li­che Ziel, das Gott für uns hat. Kind­schaft ist mehr als nur Ret­tung vor dem Gericht, mehr als nur Ver­ge­bung der Sün­den. Kin­der Got­tes zu sein bedeu­tet, in eine leben­di­ge Bezie­hung mit dem himm­li­schen Vater ein­zu­tre­ten, Zugang zu sei­nem Thron zu haben, sei­ne Für­sor­ge zu erfah­ren und Teil sei­ner Fami­lie zu wer­den. Der Apos­tel Johan­nes drückt sein Stau­nen über die­se Wahr­heit in 1. Johan­nes 3,1 aus: “Seht, welch eine Lie­be hat uns der Vater erwie­sen, dass wir Got­tes Kin­der hei­ßen sol­len und wir sind es auch!” Die­se Kind­schaft ist nicht etwas, das wir durch natür­li­che Geburt erwer­ben, son­dern sie wird uns durch Jesus Chris­tus geschenkt. Er ist der ein­zi­ge natür­li­che Sohn Got­tes, und durch unse­re Ver­bin­dung mit ihm wer­den wir zu Adop­tiv­söh­nen und Adop­tiv­töch­tern. In der römi­schen Welt, in der Pau­lus leb­te, hat­te Adop­ti­on eine beson­de­re Bedeu­tung. Ein adop­tier­tes Kind hat­te die glei­chen Rech­te wie ein leib­li­ches Kind und konn­te nie­mals mehr aus der Fami­lie aus­ge­schlos­sen wer­den. Die­se Sicher­heit gilt auch für uns als Kin­der Got­tes.

Gott hat uns geseg­net “in Chris­tus”. Wie kann Gott uns seg­nen? Die Ant­wort ist: nur “in und durch Chris­tus”. Nur auf die­sem einen Weg kön­nen Sün­der Segen emp­fan­gen: durch Jesus Chris­tus. Die gan­ze Heils­fül­le Got­tes kommt uns nur in Chris­tus zu!

Die For­mu­lie­rung, dass dies nach dem Wohl­ge­fal­len sei­nes Wil­lens geschah, unter­streicht noch ein­mal die Sou­ve­rä­ni­tät Got­tes in unse­rem Heil. Es war sein guter Wil­le, sei­ne Freu­de, uns zu sei­nen Kin­dern zu machen. Gott muss­te das nicht tun, er wur­de nicht dazu gezwun­gen oder über­re­det, son­dern es ent­sprach sei­nem eige­nen Wesen und sei­nem Wunsch, sei­ne Lie­be zu tei­len. Der Theo­lo­ge Charles Spur­ge­on sag­te ein­mal: “Nichts kann uns mehr demü­ti­gen oder gleich­zei­tig mehr erhe­ben, als die Erkennt­nis, dass wir aus frei­er Gna­de erwählt sind.” Die­se Wor­te fas­sen die Span­nung zusam­men, die in der Leh­re von der Erwäh­lung liegt. Einer­seits macht sie uns demü­tig, weil wir erken­nen, dass wir nichts zu unse­rem Heil bei­getra­gen haben. Ande­rer­seits erhebt sie uns, weil wir ver­ste­hen, dass der all­mäch­ti­ge Gott sich ent­schie­den hat, uns zu lie­ben und uns zu sei­nen Kin­dern zu machen.

Das ulti­ma­ti­ve Ziel all des­sen ist das Lob der herr­li­chen Gna­de Got­tes. Hier wird deut­lich, dass es im Evan­ge­li­um letzt­lich nicht pri­mär um uns geht, son­dern um Gott und sei­ne Herr­lich­keit. Unse­re Ret­tung, unse­re Erwäh­lung, unse­re Kind­schaft, all das dient dem Zweck, Got­tes Gna­de zu ver­herr­li­chen. Die­se Per­spek­ti­ve ist wich­tig, weil sie uns vor einer selbst­be­zo­ge­nen Fröm­mig­keit bewahrt. Wenn wir ver­ste­hen, dass unser Leben dazu bestimmt ist, Got­tes Gna­de sicht­bar zu machen und ihn zu ehren, dann bekom­men unse­re täg­li­chen Ent­schei­dun­gen und Hand­lun­gen eine neue Bedeu­tung. Wir leben nicht mehr nur für uns selbst, für unse­re Träu­me und Zie­le, son­dern wir erken­nen, dass wir Teil eines grö­ße­ren Plans sind, der die Herr­lich­keit Got­tes in der gan­zen Schöp­fung offen­ba­ren soll. Pau­lus schreibt in Römer 11,36: “Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Din­ge. Ihm sei Ehre in Ewig­keit!” Die­se Wor­te erin­nern uns dar­an, dass alles sei­nen Ursprung in Gott hat, durch sei­ne Kraft erhal­ten wird und letzt­lich zu sei­ner Ver­herr­li­chung dient.

In die­sem Punkt ver­sa­gen vie­le Chris­ten, weil sie das Zen­trum aus den Augen ver­lie­ren. Statt Got­tes Herr­lich­keit zu suchen, krei­sen sie unbe­wusst um sich selbst; um ihre Bedürf­nis­se, ihre Wün­sche, ihre Aner­ken­nung, ihre Vor­stel­lun­gen von Kir­che und Glau­ben. Wenn das Evan­ge­li­um zur Neben­sa­che wird und die eige­ne Befind­lich­keit zur Haupt­sa­che, ver­liert der Glau­be sei­ne Kraft. Dann wird Got­tes Gna­de nicht mehr ver­herr­licht, son­dern ver­deckt. Doch wir sind nicht dazu beru­fen, uns selbst groß zu machen, son­dern Chris­tus. Wo Chris­ten wie­der ler­nen, für Got­tes Ehre zu leben, statt für die eige­ne, dort wird das Evan­ge­li­um neu leuch­ten. Und dort beginnt wah­re Erneue­rung; nicht durch Akti­vis­mus, son­dern durch Hin­ga­be.

Die herr­li­che Gna­de, von der Pau­lus spricht, ist nicht irgend­ei­ne gewöhn­li­che Gna­de, son­dern eine Gna­de, die so über­wäl­ti­gend und groß­ar­tig ist, dass sie nur als herr­lich beschrie­ben wer­den kann. Gott hat uns die­se Gna­de in dem Gelieb­ten geschenkt, eine Bezeich­nung für Jesus Chris­tus, die sei­ne beson­de­re Stel­lung beim Vater unter­streicht. Jesus ist der Gelieb­te Got­tes, und in ihm sind auch wir geliebt. Die­se Ver­bin­dung zwi­schen Chris­tus und den Gläu­bi­gen zieht sich durch den gan­zen Ephe­ser­brief und ist das Fun­da­ment aller geist­li­chen Seg­nun­gen. Ohne Chris­tus haben wir kei­nen Zugang zu Gott, kei­ne Ver­ge­bung der Sün­den, kei­ne Hoff­nung auf ewi­ges Leben. Aber in ihm haben wir alles, was wir brau­chen. Jesus lehr­te in Johan­nes 15,5: “Ich bin der Wein­stock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.”

Wenn wir die­se Ver­se auf unser prak­ti­sches Leben anwen­den, erge­ben sich meh­re­re wich­ti­ge Kon­se­quen­zen. Zunächst soll­ten wir ler­nen, Gott für sei­ne Gna­de zu loben, nicht nur wenn wir uns danach füh­len, son­dern als bewuss­te Ent­schei­dung, die auf der Wahr­heit sei­nes Wor­tes basiert. Lob ist nicht nur eine emo­tio­na­le Reak­ti­on, son­dern kann auch ein Akt des Glau­bens sein, durch den wir die Wahr­heit über Gott aus­spre­chen, unab­hän­gig von unse­ren momen­ta­nen Gefüh­len. Zwei­tens soll­ten wir in dem Bewusst­sein leben, dass wir bereits mit allen geist­li­chen Seg­nun­gen geseg­net sind. Das bedeu­tet nicht, dass wir kei­ne neu­en Erfah­run­gen mit Gott machen oder in unse­rer Bezie­hung zu ihm wach­sen kön­nen, aber es bedeu­tet, dass wir nicht mehr um Got­tes Gunst bet­teln müs­sen. Sie ist uns bereits in vol­lem Maß geschenkt wor­den. Drit­tens soll­te uns die Erkennt­nis unse­rer Erwäh­lung vor Grund­le­gung der Welt mit einer tie­fen Sicher­heit erfül­len. Wenn Gott uns von Ewig­keit her erwählt hat, dann ist unse­re Ret­tung nicht abhän­gig von unse­rer schwan­ken­den Treue oder unse­ren wech­seln­den Gefüh­len, son­dern sie ruht auf dem unver­än­der­li­chen Rat­schluss Got­tes.

Vier­tens soll­ten wir uns bewusst machen, dass wir beru­fen sind, hei­lig und unta­de­lig zu leben. Die­se Beru­fung ist nicht eine erdrü­cken­de Last, son­dern eine herr­li­che Mög­lich­keit, in der Kraft des Hei­li­gen Geis­tes das zu wer­den, wozu Gott uns bestimmt hat. Hei­li­gung ist ein Pro­zess, der unser gan­zes Leben andau­ert, aber er beginnt mit der Ent­schei­dung, uns bewusst von der Sün­de abzu­wen­den und uns Gott zuzu­wen­den. Fünf­tens soll­ten wir die Wahr­heit unse­rer Kind­schaft bei Gott ver­in­ner­li­chen. Wir sind nicht Skla­ven, die aus Angst vor Stra­fe gehor­chen, son­dern Kin­der, die aus Lie­be zu ihrem Vater leben. Die­se Per­spek­ti­ve ver­än­dert unse­re gan­ze Bezie­hung zu Gott und gibt uns die Frei­heit, mutig vor sei­nen Thron zu tre­ten. Der Hebrä­er­brief ermu­tigt uns in Kapi­tel 4,16: “Dar­um lasst uns hin­zu­tre­ten mit Zuver­sicht zu dem Thron der Gna­de, damit wir Barm­her­zig­keit emp­fan­gen und Gna­de fin­den zu der Zeit, wenn wir Hil­fe nötig haben.”

Sechs­tens soll­ten wir unser Leben zur Ehre Got­tes füh­ren. Wenn das ulti­ma­ti­ve Ziel unse­rer Ret­tung das Lob sei­ner Gna­de ist, dann soll­te die­se Ziel­set­zung auch unser täg­li­ches Leben prä­gen. Wir soll­ten uns fra­gen, ob unse­re Ent­schei­dun­gen, unse­re Wor­te, unse­re Bezie­hun­gen und unse­re Prio­ri­tä­ten dazu die­nen, Got­tes Gna­de sicht­bar zu machen und ihn zu ver­herr­li­chen. Der Refor­mer Johan­nes Cal­vin schrieb: “Das Haupt­ziel des mensch­li­chen Lebens ist es, Gott zu erken­nen und zu ver­herr­li­chen.” Die­se Wor­te mögen man­chem heu­te fremd klin­gen, doch sie ent­spre­chen genau der bibli­schen Leh­re. Wir wur­den nicht in ers­ter Linie zu unse­rer eige­nen Erfül­lung geschaf­fen, son­dern um Got­tes Herr­lich­keit wider­zu­spie­geln und sei­ne Gna­de in die­ser Welt bekannt zu machen.

Ist uns Chris­ten heu­te über­haupt noch bewusst, dass unser Leben letzt­lich dazu bestimmt ist, Gott zu erken­nen und zu ver­herr­li­chen? Vie­le wür­den es beja­hen, doch im All­tag zeigt sich oft ein ande­res Bild. Wir sind so sehr mit unse­ren eige­nen Plä­nen, Sor­gen, Pro­jek­ten und Bedürf­nis­sen beschäf­tigt, dass Got­tes Ehre leicht zur Rand­no­tiz wird. Selbst in der Kir­che kann es pas­sie­ren, dass Pro­gram­me, Struk­tu­ren, Erwar­tun­gen und mensch­li­che Zie­le wich­ti­ger wer­den als die Fra­ge: „Bringt das Gott Ehre?“ Wenn wir die­se Per­spek­ti­ve ver­lie­ren, ver­lie­ren wir den Kern unse­res Glau­bens. Doch wer neu ent­deckt, dass sein Leben auf Got­tes Herr­lich­keit aus­ge­rich­tet ist, fin­det eine Frei­heit und Klar­heit, die kei­ne Selbst­ver­wirk­li­chung der Welt geben kann.

Die Leh­re von der Erwäh­lung ist manch­mal umstrit­ten und hat zu theo­lo­gi­schen Debat­ten geführt, doch sie soll­te uns nie­mals von der prak­ti­schen Auf­ga­be des Evan­ge­li­ums ablen­ken. Wir sind beru­fen, allen Men­schen die gute Nach­richt von Jesus Chris­tus zu ver­kün­di­gen, denn wir wis­sen nicht, wen Gott erwählt hat. Gleich­zei­tig dür­fen wir in der Gewiss­heit ruhen, dass Got­tes Plan sich erfül­len wird und dass nie­mand ver­lo­ren gehen wird, den Gott zur Ret­tung bestimmt hat. Die­se Span­nung zwi­schen gött­li­cher Sou­ve­rä­ni­tät und mensch­li­cher Ver­ant­wor­tung ist ein Geheim­nis, das wir nicht voll­stän­dig auf­lö­sen kön­nen, aber bei­de Wahr­hei­ten sind in der Schrift klar bezeugt. Jesus selbst sag­te in Johan­nes 6,37: “Alles, was mir der Vater gibt, das kommt zu mir; und wer zu mir kommt, den wer­de ich nicht hin­aus­sto­ßen.”

In einer Zeit, in der vie­le Men­schen nach Bedeu­tung und Iden­ti­tät suchen, bie­tet uns die­ser Text­ab­schnitt aus dem Ephe­ser­brief eine fes­te Grund­la­ge. Wir müs­sen unse­ren Wert nicht aus unse­ren Leis­tun­gen, unse­rem Aus­se­hen, unse­rem sozia­len Sta­tus oder den Mei­nun­gen ande­rer Men­schen ablei­ten. Unse­re Iden­ti­tät ist in Got­tes ewi­gem Rat­schluss ver­an­kert. Wir sind von ihm geliebt, erwählt, beru­fen und als sei­ne Kin­der adop­tiert. Die­se Wahr­hei­ten sind unver­än­der­lich, weil sie auf Got­tes Cha­rak­ter und sei­ner Ent­schei­dung beru­hen, nicht auf unse­ren wech­sel­haf­ten Umstän­den. Wenn wir die­se Wahr­hei­ten wirk­lich erfas­sen und sie die Grund­la­ge unse­res Selbst­ver­ständ­nis­ses wer­den las­sen, kann das unser Leben radi­kal ver­än­dern. Wir wer­den frei von dem stän­di­gen Bedürf­nis nach mensch­li­cher Bestä­ti­gung, frei von der Angst vor Ableh­nung, frei von dem Druck, uns selbst bewei­sen zu müs­sen. Statt­des­sen kön­nen wir in der Ruhe und Sicher­heit leben, die aus der Gewiss­heit erwächst, von Gott geliebt und ange­nom­men zu sein.

Mögen die­se tie­fen Wahr­hei­ten aus Ephe­ser 1,3–6 nicht nur unser Den­ken berei­chern, son­dern auch unser Herz berüh­ren und unser Leben ver­än­dern. Mögen wir ler­nen, Gott täg­lich für sei­ne herr­li­che Gna­de zu loben, in dem Bewusst­sein unse­rer Erwäh­lung zu leben, die Hei­lig­keit zu suchen, zu der er uns beru­fen hat, und unser gan­zes Leben zu sei­ner Ehre zu füh­ren. Die Erkennt­nis die­ser Wahr­hei­ten ist nicht nur intel­lek­tu­el­les Wis­sen, son­dern soll­te uns zu einem Leben in Dank­bar­keit, Anbe­tung und hin­ge­ge­be­nem Dienst füh­ren. In einer Welt, die oft leer und bedeu­tungs­los erscheint, haben wir als Kin­der Got­tes etwas unend­lich Wert­vol­les gefun­den: eine ewi­ge Bezie­hung zu dem leben­di­gen Gott, die vor aller Zeit begann und in alle Ewig­keit fort­dau­ern wird.

Bern­hard Beck, der Luthe­ra­ner