Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Ende 2025 gehörten noch rund 17,4 Millionen Menschen der Evangelischen Kirche in Deutschland an. Das bedeutet einen Rückgang von 3,2 Prozent innerhalb nur eines Jahres. Etwa 350.000 Menschen haben der Kirche den Rücken gekehrt, und diese Entwicklung scheint kein Ende zu nehmen. Die offiziellen Erklärungen der Kirchenleitung bleiben dabei auffallend oberflächlich. Man spricht von Sterbefällen und Austritten, man verweist auf die wichtigen sozialen Dienste und Kindertagesstätten, und man plant neue Glaubenskurse für Erwachsene. Doch all diese Maßnahmen gehen am Kern des Problems vorbei. Die eigentliche Frage lautet nicht, wie man Menschen durch bessere Programme oder modernere Angebote zurückgewinnen kann, sondern warum sie überhaupt gehen. Und diese Frage führt zu einer unbequemen Wahrheit, die viele in der Kirchenleitung nicht hören wollen.
Die evangelische Kirche hat sich in den vergangenen Jahrzehnten bemüht, modern und zeitgemäß zu sein. Sie hat sich gesellschaftlichen Strömungen angepasst, hat politische Themen in den Mittelpunkt gerückt und versucht, bei aktuellen Debatten eine Stimme zu sein. Ob es um den Klimawandel geht, um Geschlechterfragen oder um soziale Gerechtigkeit, die Kirche möchte dabei sein und mitreden. Dieser Wunsch, relevant zu bleiben, ist verständlich. Niemand möchte als rückständig oder weltfremd gelten. Doch dabei ist etwas Entscheidendes verloren gegangen. Die Kirche hat ihren eigentlichen Auftrag aus den Augen verloren. Sie hat vergessen, wofür sie ursprünglich gegründet wurde und warum Menschen überhaupt zu ihr kommen sollten. Jesus Christus selbst hat gesagt: “Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich” (Johannes 14,6). Diese klare Botschaft, die über 2000 Jahre hinweg Menschen Hoffnung und Orientierung gegeben hat, wird heute oft verwässert oder sogar ganz verschwiegen.
Wenn eine Kirche anfängt, sich mehr für politische Meinungen als für das Evangelium zu interessieren, dann verliert sie ihre Daseinsberechtigung. Menschen brauchen keine weitere Organisation, die ihnen sagt, wie sie über den Klimawandel denken sollen oder welche politischen Positionen die richtigen sind. Dafür gibt es bereits genügend Parteien, Vereine und Aktivisten. Was die Menschen aber von einer Kirche erwarten, ist etwas ganz anderes. Sie suchen nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Sie wollen wissen, ob es einen Gott gibt, der sie liebt. Sie fragen sich, was nach dem Tod kommt. Sie suchen nach Vergebung für ihre Schuld und nach einem Sinn für ihr Leben. Diese existenziellen Bedürfnisse kann keine politische Agenda stillen. Sie können nur durch die Botschaft von Jesus Christus beantwortet werden, der gesagt hat: “Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken” (Matthäus 11,28).
Die Reformation vor über 500 Jahren begann mit einer einfachen, aber revolutionären Erkenntnis. Martin Luther entdeckte neu, dass der Mensch nicht durch seine eigenen Leistungen oder durch kirchliche Rituale vor Gott gerecht wird, sondern allein durch den Glauben an Jesus Christus. “Der Gerechte wird aus Glauben leben” (Römer 1,17), dieser Vers aus der Heiligen Schrift wurde zum Fundament der evangelischen Kirche. Es ging um die Klarheit der biblischen Botschaft, um die Befreiung von menschlichen Traditionen, die das Evangelium verdunkelt hatten. Luther und die anderen Reformatoren riskierten ihr Leben für diese Wahrheit. Sie wollten, dass jeder Mensch direkten Zugang zu Gott durch Jesus Christus haben kann, ohne Umwege und ohne menschliche Vermittlung. Diese kraftvolle Botschaft hat Millionen von Menschen erreicht und verändert. Doch was ist davon heute noch übrig?


Wenn man sich moderne Predigten in vielen evangelischen Kirchen anhört, dann fehlt oft genau diese Klarheit. Statt von Sünde und Vergebung zu sprechen, hört man allgemeine moralische Appelle. Statt von der Auferstehung Jesu und dem ewigen Leben zu predigen, werden soziale Themen diskutiert, die man genauso gut in einer politischen Veranstaltung behandeln könnte. Die Bibel wird nicht mehr als das lebendige Wort Gottes verkündigt, sondern als historisches Dokument behandelt, das man nach Belieben interpretieren und anpassen kann. Der Apostel Paulus hat vor genau dieser Entwicklung gewarnt, als er schrieb: “Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren” (2. Timotheus 4,3–4). Diese prophetischen Worte beschreiben treffend, was heute in vielen Kirchen geschieht.
Die Anpassung an den Zeitgeist mag kurzfristig Beifall bringen, aber sie führt langfristig in die Bedeutungslosigkeit. Menschen spüren intuitiv, wenn eine Institution ihre Seele verloren hat. Sie merken, wenn eine Kirche nur noch ein Abklatsch der allgemeinen gesellschaftlichen Meinung ist. Warum sollte man sonntags aufstehen und in die Kirche gehen, wenn man dort dasselbe hört, was man auch in den Nachrichten oder in sozialen Medien lesen kann? Die einzigartige Botschaft der Kirche ist das Evangelium von Jesus Christus. Es ist die Botschaft davon, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist, dass er für unsere Sünden am Kreuz gestorben und am dritten Tag auferstanden ist. Es ist die Botschaft davon, dass jeder Mensch, der an ihn glaubt, Vergebung und ewiges Leben empfängt. Diese Botschaft ist zeitlos. Sie war vor 2000 Jahren relevant, und sie ist es heute noch.
Der Soziologe und Theologe Dietrich Bonhoeffer hat während der Zeit des Nationalsozialismus deutlich gemacht, was es bedeutet, wenn die Kirche ihren Auftrag verfehlt. Er schrieb: “Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade.” Bonhoeffer meinte damit, dass eine Kirche, die das Evangelium verwässert und die Nachfolge Jesu zu einer unverbindlichen Angelegenheit macht, ihre Glaubwürdigkeit verliert. Teure Gnade bedeutet, dass die Vergebung, die Gott uns schenkt, zwar umsonst ist, aber nicht billig. Sie hat Jesus sein Leben gekostet, und sie fordert von uns eine ernsthafte Nachfolge. Eine Kirche, die das nicht mehr predigt, hat nichts mehr zu sagen.


Leider sehen wir heute eine junge Pastorengeneration, die das Evangelium nicht mehr so lehrt, wie es uns der Herr und Heiland aufgetragen hat. In den sozialen Medien entsteht ein neues Bild vom Pfarramt: Selbstverwirklichung, Selbstdarstellung, Lifestyle‑Frömmigkeit und politische Trendthemen stehen oft stärker im Vordergrund als Christus selbst. Links‑grüne Ideale, Regenbogen‑Symbolik und die unkritische Übernahme gesellschaftlicher Narrative gelten als modern und schick; doch sie ersetzen nicht die Verkündigung des Kreuzes. Wo Pastoren mehr Influencer als Hirten sind, wo Likes wichtiger werden als Lehre, wo das Evangelium durch Aktivismus übertönt wird, verliert die Kirche ihre Mitte. Die Aufgabe eines Hirten ist nicht, den Zeitgeist zu spiegeln, sondern Christus zu verkünden; klar, mutig und liebevoll. Eine Kirche, die sich selbst inszeniert, aber Christus verschweigt, hat ihre Berufung verfehlt.
Natürlich gibt es in der evangelischen Kirche noch viele engagierte Gemeinden und einzelne Pfarrer, die treu das Evangelium verkündigen. Es gibt Gottesdienste, in denen die Bibel im Mittelpunkt steht und in denen Menschen echte geistliche Erneuerung erleben. Diese lebendigen Gemeinden sind oft voller junger Familien und neuer Gläubiger. Sie wachsen, während die liberalen Gemeinden schrumpfen. Das ist kein Zufall. Menschen hungern nach geistlicher Nahrung, nicht nach politischen Statements. Sie suchen nach Wahrheit, nicht nach Anpassung. Jesus sagte: “Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht” (Matthäus 4,4). Dieses geistliche Brot wird in vielen Kirchen nicht mehr ausgeteilt.
Die Kirchenleitung verweist gerne auf ihre sozialen Einrichtungen. Kindertagesstätten, Schulen, Beratungsstellen und Pflegeheime sind wichtige Dienste, keine Frage. Doch diese Arbeit allein macht noch keine Kirche aus. Auch viele säkulare Organisationen betreiben soziale Einrichtungen, und sie tun das oft genauso gut oder sogar noch besser. Der Unterschied einer christlichen Einrichtung sollte darin bestehen, dass dort die Liebe Christi erfahrbar wird, dass dort das Evangelium nicht nur gelebt, sondern auch verkündigt wird. Wenn die sozialen Dienste der Kirche nicht mehr von ihrer geistlichen Mitte her verstanden werden, dann werden sie zu reinen Sozialunternehmen, die genauso gut in staatlicher oder privater Trägerschaft sein könnten.
Die Lösung für die Krise der evangelischen Kirche liegt nicht in noch mehr Anpassung, nicht in noch moderneren Programmen oder in noch ausgefeilteren Marketingstrategien. Die Lösung liegt in der Umkehr. Die Kirche muss zu ihrem Fundament zurückkehren, zu Jesus Christus und zu seinem Wort. Sie muss wieder den Mut haben, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Sie muss wieder predigen, dass es Sünde gibt und dass jeder Mensch einen Erlöser braucht. Sie muss wieder verkündigen, dass Jesus der einzige Weg zu Gott ist. Diese Botschaft wird nicht jedem gefallen. Sie wird Widerspruch hervorrufen. Aber sie wird auch Menschen erreichen, die auf der Suche nach echter Hoffnung und nach Orientierung in einer verwirrenden Welt sind.
Der Prophet Jeremia stand vor einer ähnlichen Situation. Das Volk Israel hatte sich von Gott abgewandt und anderen Göttern zugewandt. Die religiösen Führer verkündeten das, was die Menschen hören wollten, statt die Wahrheit zu sagen. Gott sprach durch Jeremia: “Mein Volk tut eine zweifache Sünde. Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben” (Jeremia 2,13). Diese Worte beschreiben auch die Situation der Kirche heute. Sie hat die lebendige Quelle verlassen und versucht, aus gebrochenen Zisternen zu trinken. Der Zeitgeist, die moderne Ideologie, die Anpassung an gesellschaftliche Trends sind solche gebrochenen Zisternen. Sie können den geistlichen Durst nicht stillen.


Die gute Nachricht ist, dass Umkehr möglich ist. Die Geschichte der Kirche ist voll von Erneuerungsbewegungen, in denen Christen zu den Grundlagen ihres Glaubens zurückgekehrt sind. Die Reformation war eine solche Bewegung. Die Erweckungen des 18. und 19. Jahrhunderts waren weitere Beispiele. Immer dann, wenn die Kirche sich wieder auf Jesus Christus und auf die Autorität der Bibel besonnen hat, kam es zu geistlichem Aufbruch. Gott ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Seine Verheißungen gelten noch. Er sagt: “So ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen” (Jeremia 29,13–14).
Was bedeutet das konkret für die evangelische Kirche in Deutschland? Es bedeutet, dass die Verkündigung wieder in den Mittelpunkt rücken muss. Pfarrer und Theologen müssen wieder lernen, die Bibel als das lebendige Wort Gottes zu verkündigen. Sie müssen den Mut haben, von Sünde und Vergebung zu sprechen, von Himmel und Hölle, von Umkehr und Glauben. Die Gottesdienste müssen wieder zu Orten werden, an denen Menschen Gott begegnen können. Die Musik sollte Gott ehren und nicht nur zeitgenössische Trends nachahmen. Die Gebete sollten echt und von Herzen kommen. Die Gemeinschaft unter den Gläubigen sollte von echter Liebe und gegenseitiger Fürsorge geprägt sein. All das kann nicht durch Programme oder Strukturen erzeugt werden. Es kann nur durch eine echte geistliche Erneuerung geschehen.
Die Kirchenleitung plant neue Glaubenskurse für Erwachsene. Das ist grundsätzlich eine gute Idee, aber es kommt darauf an, was in diesen Kursen gelehrt wird. Wenn sie dazu dienen, das klare Evangelium zu verkündigen und Menschen zu einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus zu führen, dann können sie ein Segen sein. Wenn sie aber nur dazu dienen, Menschen an die Institution Kirche zu binden, ohne ihnen die lebensverändernde Botschaft von Jesus zu vermitteln, dann werden sie langfristig keinen Erfolg haben. Jesus sagte zu seinen Jüngern: “Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden” (Markus 16,15–16). Das ist der Missionsbefehl, den Jesus seiner Kirche gegeben hat. Er gilt heute genauso wie damals.
Die Zahlen des Mitgliederschwunds sollten ein Weckruf sein. Sie zeigen deutlich, dass die bisherige Strategie nicht funktioniert. Anpassung an den Zeitgeist führt nicht zu Wachstum, sondern zu weiterem Schrumpfen. Die Menschen brauchen keine Kirche, die ihnen nach dem Mund redet. Sie brauchen eine Kirche, die ihnen die Wahrheit sagt. Sie brauchen eine Kirche, die ihnen zeigt, dass es einen Gott gibt, der sie liebt und der einen Plan für ihr Leben hat. Sie brauchen eine Kirche, die ihnen hilft, Jesus Christus zu begegnen und in der Nachfolge zu wachsen. Wenn die evangelische Kirche diese Aufgabe wieder ernst nimmt, dann gibt es Hoffnung. Wenn sie weiterhin den Weg der Anpassung geht, dann wird der Niedergang weitergehen, bis von der einst großen Kirche der Reformation nur noch eine bedeutungslose Hülle übrig ist. Die Entscheidung liegt bei der Kirche selbst. Gott bietet Umkehr und Erneuerung an. Die Frage ist, ob die Verantwortlichen bereit sind, dieses Angebot anzunehmen.
Bernhard Beck, der Lutheraner

