Es gibt Momen­te im Leben eines Gläu­bi­gen, die schmerz­haft sind und die das Herz schwer machen. Einer die­ser Momen­te ist, wenn ein Christ einem ande­ren Chris­ten das Christ­sein abspricht, wenn er die Echt­heit sei­ner Wie­der­ge­burt anzwei­felt oder ihn ver­ur­teilt, ohne sein Herz wirk­lich zu ken­nen. Sol­che Situa­tio­nen sind lei­der kei­ne Sel­ten­heit, und sie hin­ter­las­sen oft tie­fe Wun­den bei den Betrof­fe­nen. Doch was sagt uns die­ses Ver­hal­ten über die Per­son, die so han­delt? Oft offen­bart es mehr über ihren eige­nen inne­ren Zustand als über den Men­schen, den sie anklagt. Ein Herz, das wirk­lich in der Lie­be Got­tes ruht, wird nicht zuerst nach Feh­lern bei ande­ren suchen, son­dern sich selbst prü­fen und hin­ter­fra­gen. Jesus selbst hat uns eine kla­re Anwei­sung gege­ben, als er sag­te: “Rich­tet nicht, damit ihr nicht gerich­tet wer­det” (Mat­thä­us 7,1). Die­ser Satz ist nicht schwer zu ver­ste­hen, doch er ist schwer zu leben, beson­ders dann, wenn das eige­ne Herz unru­hig ist und sich durch Abgren­zung siche­rer füh­len möch­te.

In vie­len christ­li­chen Krei­sen gibt es lei­der eine erschre­cken­de Men­ge an Selbst­ge­rech­tig­keit, Lieb­lo­sig­keit und har­ten Urtei­len. Men­schen erhe­ben sich über ande­re, spre­chen ihnen den Glau­ben ab und ver­hal­ten sich so, als wären sie selbst der Maß­stab für ech­tes Christ­sein. Doch all das hat nichts mit einem gesun­den und bibli­schen Glau­ben zu tun. Ein Christ­sein, das von oben her­ab spricht, das ande­re klein macht oder ihnen den Glau­ben abspricht, hat sich weit von dem ent­fernt, was Jesus uns vor­ge­lebt hat. Der Apos­tel Pau­lus erin­nert uns in sei­nem Brief an die Korin­ther dar­an, dass wir ohne Lie­be abso­lut nichts sind, selbst wenn wir die größ­ten geist­li­chen Erkennt­nis­se hät­ten oder die stärks­ten Glau­bens­ta­ten voll­brin­gen könn­ten. Er schreibt: “Wenn ich alle Geheim­nis­se wüss­te und allen Glau­ben hät­te, sodass ich Ber­ge ver­set­zen könn­te, aber kei­ne Lie­be hät­te, so wäre ich nichts” (1. Korin­ther 13,2). Die­se Wor­te sind eine kla­re und heil­sa­me Mah­nung, die uns zurück­führt zu dem, was wirk­lich zählt im Reich Got­tes.

Wir sind als Chris­ten zur Lie­be und zur Ein­heit beru­fen, nicht zur Spal­tung und zum Rich­ten. Jesus selbst hat in sei­nem hohe­pries­ter­li­chen Gebet dar­um gebe­ten, dass sei­ne Jün­ger eins sei­en, damit die Welt erkennt, dass er vom Vater gesandt wur­de. Ein­heit bedeu­tet dabei nicht, dass alle Chris­ten gleich den­ken, gleich han­deln oder die­sel­ben For­men des Got­tes­diens­tes bevor­zu­gen müs­sen. Ein­heit bedeu­tet viel­mehr, dass wir ein­an­der als Geschwis­ter sehen, die den­sel­ben Herrn haben, auch wenn wir unter­schied­li­che Wege gehen und ver­schie­de­ne Schwer­punk­te in unse­rem Glau­ben set­zen. Ein­heit ent­steht dort, wo Men­schen bereit sind, ein­an­der zu tra­gen, zu ermu­ti­gen und gemein­sam in der Wahr­heit zu wach­sen. Sie ent­steht nicht durch Uni­for­mi­tät, son­dern durch die Lie­be, die Gott in unse­re Her­zen aus­ge­gos­sen hat.

Es fällt dabei beson­ders auf, dass oft gera­de sol­che Chris­ten, die ohne fes­te Gemein­de leben oder sich kei­ner geist­li­chen Gemein­schaft ver­pflich­tet füh­len, beson­ders hart über ande­re urtei­len. Sie stel­len sich über die Gemein­schaft, obwohl sie selbst nicht bereit sind, sich in eine ver­bind­li­che Gemein­schaft ein­zu­fü­gen und sich dort prü­fen und kor­ri­gie­ren zu las­sen. Sie geben vor, die bes­se­ren oder rei­ne­ren Chris­ten zu sein, und über­se­hen dabei, dass nie­mand sich selbst zum Maß­stab machen darf. Der bekann­te Theo­lo­ge Diet­rich Bon­hoef­fer hat ein­mal gesagt: “Wer sich selbst zum Rich­ter über die Gemein­de macht, ver­liert das Recht, ihr anzu­ge­hö­ren.” Die­ser Satz trifft einen wun­den Punkt, denn wer stän­dig von außen kri­ti­siert, ohne sich selbst prü­fen zu las­sen, ent­zieht sich der Kor­rek­tur, die wir alle drin­gend brau­chen. Kein Mensch ist über den Punkt hin­aus, an dem er noch Kor­rek­tur und Anlei­tung benö­tigt, und wer sich die­ser Ver­ant­wor­tung ent­zieht, lebt in einer gefähr­li­chen geist­li­chen Iso­la­ti­on.

Ein rei­fer und gesun­der Glau­be zeigt sich nicht dar­in, wie streng oder unnach­gie­big wir ande­re beur­tei­len, son­dern dar­an, wie gedul­dig, barm­her­zig und wahr­haf­tig wir mit ihnen umge­hen. Jesus begeg­ne­te den Men­schen sei­ner Zeit mit einer Lie­be, die zugleich klar und sanft war. Er sprach die Wahr­heit aus, ohne Kom­pro­mis­se zu machen, aber er tat es immer mit einem Her­zen, das ret­ten woll­te und nicht zer­stö­ren. Wenn wir ihm wirk­lich fol­gen wol­len, dann müs­sen wir ler­nen, unse­re Wor­te zu prü­fen, bevor wir sie aus­spre­chen. Wir müs­sen uns fra­gen, ob unse­re Wor­te auf­bau­en oder nie­der­rei­ßen, ob sie hei­len oder ver­let­zen, ob sie den ande­ren näher zu Chris­tus brin­gen oder ihn von ihm ent­fer­nen.

Und doch stellt sich die Fra­ge, war­um so vie­le Chris­ten heu­te nicht von Jesus ler­nen wol­len. Er lädt uns ein, von ihm „sanft­mü­tig und von Her­zen demü­tig“ zu wer­den; aber vie­le zie­hen es vor, ihre eige­nen Mus­ter, Mei­nun­gen und Reak­tio­nen fest­zu­hal­ten. Viel­leicht, weil ech­te Nach­fol­ge Ver­än­de­rung kos­tet. Viel­leicht, weil wir lie­ber recht behal­ten wol­len, als uns kor­ri­gie­ren zu las­sen. Viel­leicht, weil wir ver­ges­sen haben, dass Jün­ger­schaft bedeu­tet, sich for­men zu las­sen. Dar­um soll­ten wir uns fra­gen: Bin ich wirk­lich bereit, von Jesus zu ler­nen: in mei­nem Ton, in mei­nen Wor­ten, in mei­nem Umgang mit ande­ren? Las­se ich zu, dass sein Cha­rak­ter mei­nen Cha­rak­ter prägt? Oder fol­ge ich ihm nur mit den Lip­pen, wäh­rend mein Herz an alten Gewohn­hei­ten fest­hält? Wer die­se Fra­gen ehr­lich stellt, öff­net sich neu für die sanf­te, aber kraft­vol­le Schu­le Chris­ti.

Ein Christ­sein, das wirk­lich von Lie­be geprägt ist, sucht das Gute im ande­ren und freut sich dar­über, wenn ein Mensch Jesus nach­folgt, auch wenn sein Weg anders aus­sieht als der eige­ne. Es weiß, dass Gott allein in die Her­zen der Men­schen sehen kann und dass nur er beur­tei­len kann, wer wirk­lich zu ihm gehört. Jesus sagt es selbst ganz klar: “Dar­an wird jeder­mann erken­nen, dass ihr mei­ne Jün­ger seid, wenn ihr Lie­be unter­ein­an­der habt” (Johan­nes 13,35). Nicht an unse­rer Stren­ge, nicht an unse­rem theo­lo­gi­schen Wis­sen, nicht an unse­rer Fähig­keit, ande­re zu kri­ti­sie­ren, son­dern an unse­rer Lie­be wer­den die Men­schen erken­nen, dass wir zu Chris­tus gehö­ren. Und an die­ser Lie­be wer­den wir immer wie­der schul­dig, oft ohne es über­haupt zu mer­ken. Wir über­se­hen Men­schen, die unse­re Auf­merk­sam­keit bräuch­ten. Wir reagie­ren hart, wo Sanft­mut nötig wäre. Wir spre­chen Wor­te, die ver­let­zen, obwohl wir hei­len soll­ten. Wir zie­hen uns zurück, wo Chris­tus uns sen­den wür­de. Die­se Schuld ist nicht immer laut und offen­sicht­lich; manch­mal ist sie lei­se, all­täg­lich, fast unbe­merkt. Doch gera­de des­halb brau­chen wir täg­lich die Nähe Jesu, der uns zeigt, wie wah­re Lie­be aus­sieht. Nur wenn wir uns sei­ner Lie­be aus­set­zen, kön­nen wir ler­nen, ande­re so zu lie­ben, wie er uns geliebt hat.

Dar­um ist es so wich­tig, dass wir uns immer wie­der dar­an erin­nern, wer wir wirk­lich sind und wozu wir beru­fen sind. Wir sind Men­schen, die aus Gna­de leben und nicht aus eige­ner Leis­tung. Wir sind Men­schen, die selbst täg­lich Ver­ge­bung brau­chen und die ohne die Gna­de Got­tes ver­lo­ren wären. Wir sind Men­schen, die ohne Chris­tus nichts hät­ten, wor­auf sie stolz sein könn­ten. Wenn wir das wirk­lich ver­ste­hen und ver­in­ner­li­chen, dann wird unser Herz wei­cher, und wir wer­den vor­sich­ti­ger und demü­ti­ger mit unse­ren Urtei­len über ande­re. Wir wer­den ler­nen, zuzu­hö­ren, zu ver­ste­hen und Men­schen auf ihrem Weg zu beglei­ten, statt sie zu ver­ur­tei­len und abzu­leh­nen.

Ein gesun­der und leben­di­ger Glau­be wächst nicht in der Iso­la­ti­on, son­dern in der Gemein­schaft mit ande­ren Gläu­bi­gen. Er wächst dort, wo Men­schen ein­an­der tra­gen, wo sie sich gegen­sei­tig ermah­nen und ermu­ti­gen, wo sie gemein­sam auf Chris­tus schau­en und zusam­men auf ihn ver­trau­en. Wer sich über ande­re erhebt und sich von der Gemein­schaft trennt, ver­liert den Blick für das Wesent­li­che und gerät in Gefahr, sich in sei­nen eige­nen Gedan­ken und Über­zeu­gun­gen zu ver­lie­ren. Der Schrei­ber des Hebrä­er­briefs ermahnt uns: “Lasst uns auf­ein­an­der acht­ha­ben und ein­an­der anspor­nen zur Lie­be und zu guten Wer­ken und nicht ver­las­sen unse­re Ver­samm­lun­gen, wie eini­ge zu tun pfle­gen, son­dern ein­an­der ermah­nen” (Hebrä­er 10,24 und 25). Die­se Ver­se machen deut­lich, dass wir ein­an­der brau­chen und dass die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen kein optio­na­les Extra ist, son­dern ein wesent­li­cher Bestand­teil unse­res geist­li­chen Lebens.

Es ist wich­tig zu ver­ste­hen, dass wir nicht beru­fen sind, Rich­ter zu sein, son­dern Zeu­gen der Lie­be und Gna­de Got­tes. Unse­re Auf­ga­be ist es nicht, ande­re Men­schen zu ver­ur­tei­len oder ihnen das Christ­sein abzu­spre­chen, son­dern sie zu ermu­ti­gen, zu stär­ken und gemein­sam mit ihnen den Weg des Glau­bens zu gehen. Der gro­ße Evan­ge­list Bil­ly Gra­ham hat ein­mal gesagt: “Es ist die Auf­ga­be des Hei­li­gen Geis­tes zu über­füh­ren, es ist die Auf­ga­be Got­tes zu rich­ten, und es ist unse­re Auf­ga­be zu lie­ben.” Die­se ein­fa­chen Wor­te fas­sen zusam­men, was unse­re Rol­le als Chris­ten sein soll­te. Wir sind nicht dazu beru­fen, die Arbeit des Hei­li­gen Geis­tes oder Got­tes zu über­neh­men, son­dern unse­re eige­ne Auf­ga­be zu erfül­len, näm­lich zu lie­ben.

Wenn wir ein­an­der mit Lie­be begeg­nen, wenn wir gedul­dig und barm­her­zig sind, wenn wir bereit sind, ein­an­der zu ver­ge­ben und gemein­sam zu wach­sen, dann wird die Welt sehen, dass wir wirk­lich Jün­ger Jesu sind. Dann wird die Ein­heit, um die Jesus gebe­tet hat, Wirk­lich­keit in unse­rem Leben, und die Lie­be Got­tes wird durch uns in die­se Welt hin­ein­leuch­ten. Das ist es, wozu wir beru­fen sind, und das ist es, was die Welt so drin­gend braucht.

Bern­hard Beck, der Luthe­ra­ner