Eine gesunde Gemeinde entsteht nicht durch Zufall, durch geschickte Programme oder durch charismatische Leiter allein, sondern durch die beständige und treue Verkündigung des Wortes Gottes. Das ist die wichtigste Grundlage für geistliches Wachstum und für eine Gemeinde, die auch in schwierigen Zeiten Bestand hat. Wenn wir uns die Geschichte der christlichen Kirche anschauen, dann sehen wir immer wieder, dass Gemeinden dann stark und gesund waren, wenn sie sich auf die biblische Lehre gegründet haben, und dass sie schwach und anfällig wurden, wenn sie sich davon entfernt haben. Die Apostelgeschichte beschreibt die erste christliche Gemeinde in Jerusalem mit diesen Worten: “Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.” (Apostelgeschichte 2,42) Diese vier Elemente waren das Fundament der ersten Gemeinde, und an erster Stelle steht die Lehre der Apostel, also das Wort Gottes. Daraus erwuchs alles andere: die Gemeinschaft, die Feier des Abendmahls und das gemeinsame Gebet. Ohne die biblische Lehre hätte die Gemeinde keinen festen Grund gehabt, auf dem sie bauen konnte.
Biblische Lehre bedeutet, dass wir nicht einfach irgendwelche religiösen Ideen oder menschliche Weisheiten weitergeben, sondern dass wir das verkündigen, was Gott selbst in seinem Wort offenbart hat. Die Bibel ist nicht ein Buch unter vielen, sondern die autoritative Offenbarung Gottes, durch die er zu uns spricht. Paulus schreibt an Timotheus: “Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.” (2. Timotheus 3,16–17) Die Schrift hat also eine umfassende Bedeutung für das Leben der Gemeinde und jedes einzelnen Christen. Sie lehrt uns, was wahr ist, sie deckt auf, wo wir vom Weg abgekommen sind, sie hilft uns, wieder auf den richtigen Weg zurückzukehren, und sie erzieht uns darin, so zu leben, wie es Gott gefällt. Eine Gemeinde, die sich von der biblischen Lehre leiten lässt, wird geistlich wachsen, weil sie auf dem Wort Gottes gegründet ist und nicht auf menschlichen Vorstellungen.
Geistliches Wachstum beginnt damit, dass wir das Wort Gottes hören und verstehen. Jesus erzählt im Gleichnis vom Sämann, wie unterschiedlich Menschen auf das Wort Gottes reagieren. Manche hören es, aber der Teufel nimmt es sofort wieder weg. Andere hören es mit Freude, aber wenn Schwierigkeiten kommen, fallen sie ab. Wieder andere hören das Wort, aber die Sorgen des Alltags und die Verlockungen des Reichtums ersticken es. Aber dann gibt es auch die, bei denen das Wort auf guten Boden fällt: “Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.” (Lukas 8,15) Dieses Gleichnis zeigt uns, dass es nicht ausreicht, das Wort nur oberflächlich zu hören. Wir müssen es aufnehmen, darüber nachdenken, es in unserem Herzen bewahren und danach leben. Eine Gemeinde, die geistlich wachsen will, muss also eine Gemeinde sein, in der das Wort Gottes nicht nur gepredigt wird, sondern in der die Menschen auch bereit sind, es wirklich zu hören und umzusetzen.


Die Verkündigung des Wortes Gottes ist die zentrale Aufgabe der Gemeinde. Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom: “So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.” (Römer 10,17) Der Glaube entsteht nicht durch menschliche Überredungskunst oder emotionale Erlebnisse, sondern durch die Verkündigung des Wortes Gottes. Deshalb ist es so wichtig, dass in der Gemeinde das Wort klar, treu und verständlich gepredigt wird. Das bedeutet nicht, dass die Predigt akademisch oder kompliziert sein muss, im Gegenteil. Die beste Predigt ist die, die das Wort Gottes so erklärt, dass die Menschen es verstehen und auf ihr Leben anwenden können. Jesus selbst war ein Meister darin, die tiefsten Wahrheiten in einfachen Worten und anschaulichen Bildern zu vermitteln. Er sprach von Hirten und Schafen, von Samenkorn und Ernte, von Licht und Finsternis, und die Menschen verstanden, was er meinte. So sollte auch die Verkündigung in unseren Gemeinden sein: klar, verständlich und nah am Leben der Menschen, aber immer fest gegründet auf dem, was die Bibel wirklich sagt.
Eine gesunde Gemeinde braucht aber nicht nur die öffentliche Verkündigung, sondern auch die persönliche Beschäftigung mit dem Wort Gottes. Jeder Christ ist aufgerufen, selbst in der Bibel zu lesen, darüber nachzudenken und sie zu studieren. Die Christen in Beröa werden in der Apostelgeschichte dafür gelobt, dass sie das Wort nicht einfach ungeprüft angenommen haben, sondern täglich in der Schrift forschten, ob es sich so verhielt, wie Paulus es ihnen verkündigt hatte. “Diese aber waren freundlicher als die in Thessalonich; sie nahmen das Wort bereitwillig auf und forschten täglich in der Schrift, ob sich’s so verhielte.” (Apostelgeschichte 17,11) Diese Haltung ist vorbildlich. Wir sollen nicht blind glauben, was uns gesagt wird, sondern selbst prüfen, ob es mit der Bibel übereinstimmt. Das setzt voraus, dass wir die Bibel kennen, und das wiederum setzt voraus, dass wir Zeit damit verbringen, sie zu lesen. Eine Gemeinde, in der die Menschen regelmäßig in der Bibel lesen und sich darüber austauschen, wird geistlich stark sein, weil sie auf einem festen Fundament steht.
Doch dieser Prüfpflicht werden viele Gemeinden und Christen heute nicht gerecht. Statt das Gehörte an der Schrift zu messen, lassen sich viele von der Art der Predigt beeindrucken: Je aggressiver der Ton, je provokanter die Worte, je beleidigender die Formulierungen, desto mehr Applaus und Aufmerksamkeit bekommt der Prediger. Hier läuft etwas grundlegend falsch. Wir sollen nicht die Lautstärke oder Emotionalität beurteilen, sondern die Treue zur Bibel. Nur weil der Name Jesus erwähnt wird, ist eine Predigt noch lange nicht biblisch. Eine Gemeinde, die nicht prüft, was verkündigt wird, verliert ihre geistliche Urteilsfähigkeit und wird anfällig für Irrlehren, Manipulation und geistlichen Missbrauch. Darum müssen wir zurück zur Heiligen Schrift; nüchtern, demütig und prüfend.
Biblische Lehre schützt die Gemeinde auch vor falschen Lehren und Irrtümern. Paulus warnt Timotheus eindringlich davor, dass es Zeiten geben wird, in denen die Menschen die gesunde Lehre nicht mehr ertragen, sondern sich Lehrer suchen, die ihnen nach dem Mund reden. “Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren.” (2. Timotheus 4,3–4) Diese Warnung ist heute aktueller denn je. Es gibt viele Stimmen, die behaupten, im Namen Gottes zu sprechen, aber die nicht das verkündigen, was die Bibel lehrt. Manche predigen ein Evangelium ohne Sünde und ohne Buße, andere ein Evangelium ohne Kreuz und ohne Opfer, wieder andere ein Evangelium, das nur Erfolg und Wohlstand verspricht. All das sind Verzerrungen der biblischen Botschaft, und eine Gemeinde, die nicht fest in der biblischen Lehre verwurzelt ist, wird leicht von solchen Irrlehren verführt. Deshalb ist es so wichtig, dass die Gemeinde die gesunde Lehre bewahrt und weitergibt.
Die gesunde Lehre hat auch praktische Auswirkungen auf das Leben der Gemeinde. Paulus schreibt an Titus: “Du aber rede, wie sich’s ziemt nach der heilsamen Lehre.” (Titus 2,1) Die gesunde Lehre führt zu einem gesunden Leben. Wenn wir die Wahrheit des Evangeliums wirklich verstanden haben, dann wird das unser Denken, unser Reden und unser Handeln verändern. Wir werden lernen, einander zu lieben, einander zu dienen, einander zu vergeben und einander zu ermutigen. Wir werden lernen, Gott zu ehren in allem, was wir tun, und wir werden lernen, in einer Welt zu leben, die oft andere Werte vertritt, ohne uns anzupassen.
Da, wo nur Rechthaberei, Spaltung, Lieblosigkeit und Abgrenzung herrschen, kann keine gesunde Lehre vorhanden sein. Eine Lehre, die nicht zur Liebe führt, ist nicht die Lehre Christi. Das gilt nicht nur in Gemeinden, sondern ebenso in den sozialen Medien. Dort wird oft mit einer Härte, einem Tonfall und einer Selbstgerechtigkeit diskutiert, die dem Evangelium widersprechen. Manche verteidigen „die Wahrheit“, aber ohne den Geist Jesu; und damit verraten sie genau das, was sie zu schützen glauben. Wenn Lehre nicht zu Demut, Sanftmut, Geduld und Liebe führt, ist sie nicht gesund. Eine Kirche, die sich gegenseitig zerreißt, zeigt nicht die Kraft der Wahrheit, sondern das Fehlen geistlicher Reife. Darum müssen wir immer wieder prüfen, ob das, was wir sagen und wie wir es sagen, wirklich Christus widerspiegelt. Eine Gemeinde, die von der biblischen Lehre geprägt ist, wird eine Gemeinde sein, in der echte Gemeinschaft gelebt wird, in der Menschen sich gegenseitig helfen und tragen und in der die Liebe Christi sichtbar wird.


Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Lehre durch Vorbild. Paulus schreibt an Timotheus: “Sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Reinheit.” (1. Timotheus 4,12) Die Leiter einer Gemeinde haben eine besondere Verantwortung, nicht nur mit Worten zu lehren, sondern auch durch ihr Leben. Wenn die Verkündigung nicht mit dem Leben übereinstimmt, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit. Die Menschen sehen genau hin, ob das, was gepredigt wird, auch gelebt wird. Deshalb ist es wichtig, dass die Leiter einer Gemeinde selbst Menschen sind, die im Wort Gottes verwurzelt sind, die ein Leben des Glaubens und der Hingabe führen und die bereit sind, sich selbst unter die Autorität der Schrift zu stellen. Aber nicht nur die Leiter, sondern alle Mitglieder der Gemeinde sind aufgerufen, so zu leben, dass ihr Leben ein Zeugnis für das Evangelium ist. Petrus schreibt: “Führt ein rechtschaffenes Leben unter den Heiden, damit sie, wenn sie euch als Übeltäter verleumden, eure guten Werke sehen und Gott preisen am Tag der Heimsuchung.” (1. Petrus 2,12) Unser Leben soll also so sein, dass andere Menschen durch uns etwas von Gott sehen und ihn verherrlichen.
Bevor wir mit dem Zeigefinger auf andere zeigen, müssen wir uns selbst prüfen und bei uns selbst beginnen. Es ist leicht, die Fehler der Leiter, der Gemeinde oder der „anderen Christen“ zu sehen; aber viel schwerer, das eigene Herz im Licht Gottes zu betrachten. Wahre geistliche Erneuerung beginnt immer zuerst bei uns selbst. Darum sollten wir uns fragen: Lebe ich selbst das, was ich von anderen erwarte? Bin ich ein Vorbild in Wort und Wandel? Spiegelt mein Umgangston die Liebe Christi wider? Bin ich bereit, mich korrigieren zu lassen? Suche ich wirklich Gottes Ehre; oder meine eigene? Solche Fragen bewahren uns vor Selbstgerechtigkeit und führen uns zurück zu einem Leben, das wirklich Zeugnis für das Evangelium ist.
Eine Gemeinde, die geistlich wachsen will, muss auch eine lernende Gemeinde sein. Das bedeutet, dass wir nie aufhören dürfen, im Wort Gottes zu forschen und zu wachsen. Selbst die reifsten Christen haben noch viel zu lernen, denn die Schrift ist unerschöpflich in ihrem Reichtum und ihrer Tiefe. Je mehr wir uns mit ihr beschäftigen, desto mehr entdecken wir neue Wahrheiten und neue Zusammenhänge. Der Apostel Paulus, der einer der größten Theologen der Kirchengeschichte war, schreibt am Ende seines Lebens: “Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.” (Philipper 3,12) Diese Haltung des ständigen Strebens nach geistlichem Wachstum sollte uns alle prägen. Wir dürfen nicht stehen bleiben, sondern müssen weitergehen auf dem Weg der Nachfolge.
Die biblische Lehre bewahrt die Gemeinde auch vor Resignation und Entmutigung. In schwierigen Zeiten, wenn die Gemeinde angefochten wird, wenn Konflikte entstehen oder wenn äußere Umstände schwierig sind, ist es das Wort Gottes, das uns Halt gibt und uns ermutigt. Der Psalmist sagt: “Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.” (Psalm 119,105) Das Wort Gottes zeigt uns den Weg, auch wenn wir nicht immer verstehen, wohin er führt. Es gibt uns Hoffnung, auch wenn die Umstände hoffnungslos erscheinen. Es erinnert uns daran, dass Gott treu ist und dass seine Verheißungen niemals fehlgehen. Eine Gemeinde, die sich auf das Wort Gottes stützt, wird nicht wanken, auch wenn Stürme kommen, denn sie ist auf dem Felsen gebaut.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Gemeinde nur dann geistlich wachsen und gesund bleiben kann, wenn sie fest auf der biblischen Lehre gegründet ist. Diese Lehre muss treu verkündigt, fleißig studiert und konsequent gelebt werden. Sie muss das Zentrum allen Handelns sein, und sie muss vor Verfälschung und Verwässerung geschützt werden. Wenn eine Gemeinde das tut, dann wird sie wachsen, nicht unbedingt in der Zahl, aber sicher in der Tiefe und in der geistlichen Reife. Sie wird eine Gemeinde sein, die Gott ehrt, die Menschen zum Glauben führt und die ein Licht in dieser Welt ist. Das ist das Ziel, auf das wir hinarbeiten sollen, und das ist der Weg, den Gott uns in seinem Wort zeigt.
Bernhard Beck, der Lutheraner
